Prozess gegen 21-Jährige wegen Kindstötung
Familie sagt aus

Bild: Huber (Archiv)
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Weiden in der Oberpfalz
26.11.2015
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Weiden. (ca) "Ich bin halt schnell auf 150", sagt der Vater der Angeklagten. Das Gericht erlebt auch gleich eine Kostprobe, wie schnell das geht. Der 47-Jährige berichtet, dass er natürlich den starken Verdacht hegte, dass die Tochter schwanger ist. Drei Tage vor der Tat berichtete ihm seine Mutter zudem, dass sie im Zimmer der 21-Jährigen einen Flyer über anonyme Geburten gefunden hätte. "Aber die Wahrheit ist mir ja nicht gesagt worden." Er haut auf den Tisch im Gerichtssaal.

Landgerichtspräsident Walter Leupold ruft den Wüterich zur Ordnung und droht eine Woche Haft an: "Ich würde Ihnen nicht raten, Ihr Temperament an mir auszuprobieren." Am zweiten Prozesstag sagen die Verwandten der 21-jährigen Steffi D. aus. Sie ist angeklagt, ihr Neugeborenes am 25. April 2015 auf einer Supermarkttoilette geboren und erstickt zu haben. Die Angehörigen könnten die Aussage verweigern, aber bis auf die Mutter will keiner schweigen.

"Ja, sie hatte Angst vor mir, ich bin ein zorniger Typ", gibt der Vater zu Protokoll. Und er gibt klipp und klar zu: "Ja, ich habe ihr gesagt: Wenn sie ein Drittes bekommt, dann schmeiße ich sie raus. Ich kann nicht drei Kinder aufziehen." Seine Tochter, die ja schon zwei Kleinkinder hat (2 und 4) wohnte bei ihm. Er hatte das Mädchen ab dem fünften Lebensjahr allein aufgezogen. Mit im Haushalt im Landkreis lebte auch die Oma der Angeklagte.

Wie jeden Samstagvormittag machte sich die Familie am 25. April zum Einkauf nach Neustadt/WN auf. Vor Gericht werden die Filmsequenzen der Videokameras aus dem Verbrauchermarkt abgespielt. Sie zeigen, wie die Angeklagte mit ihren Kindern, ihrem Vater und der Oma den Supermarkt betritt. Wie die Angeklagte zur Toilette geht, an der Hand den Zweijährigen. Wie der Vater dreimal zur Waschraum-Tür kommt, klopft und wieder geht. Wie sie schließlich eine Mülltüte von der Kasse holt und wieder zur Toilette zurückkehrt. Und wie alle Fünf sich am Eingang wieder treffen und zum Auto gehen.

Als er an die Toilettentür klopfte, habe die Tochter nur gerufen, sie komme gleich, erinnert sich der Vater. "Mehr ist nicht geredet worden." Als sie danach ins Auto einstieg, seien ihm die Blutflecke auf der Hose aufgefallen. Natürlich habe er gefragt, was los sei. "Aber sie hat nichts gesagt. Sie hat mich nur starr angesehen, als ob sie weggetreten wäre." Ähnliches gibt die Oma zu Protokoll, die sich auf ihre Schwerhörigkeit herausredet. "Ich hab' gesagt: Was ist denn? Aber nicht weiter gefragt." Als Zeugenbeistand sitzt ihr Anwalt Rouven Colbatz zur Seite. "Auf der Hosen war Blut oder sonstwas. Ich hab mir da nix denkt."

Dabei gab es im Vorfeld keinen einzigen in der Verwandtschaft, der nicht irgendwann an eine Schwangerschaft dachte. Die Oma fand den Flyer und diskutierte das Thema mit ihren Söhnen und der schwangeren Enkelin. Sie äußerte dabei die Befürchtung, dass das Kind weggegeben würde. Die Oma mütterlicherseits ging noch einen Schritt weiter. Erst brachte sie der vermeintlich schwangeren Enkelin einen Schwangerschaftstest mit. Das Ergebnis kam per Whatsapp: negativ. Daraufhin ging sie mit der Enkeltochter zum Frauenarzt und ins Klinikum. Sie wartete jeweils im Wartezimmer und wurde mit der Geschichte von Eierstock-Zysten und einem OP-Termin Ende April abgespeist. Am Ende habe sie der Enkelin geglaubt.

Auch die einzige Vertrauensperson der 21-Jährigen, der Onkel, vermutete stark, dass hier ein drittes Kind erwartet würde. Schon einmal hatte die Nichte eine Schwangerschaft bis zum Schluss verborgen. "Ich war der einzige, der damals davon wusste." Sein Bruder dagegen erfuhr vor zwei Jahren erst im Kreißsaal, dass er ein zweites Mal Opa geworden war. Er beschreibt seinen Bruder als lieblosen Choleriker. "Da gab es keine Umarmung zum Geburtstag oder so", sagt der Onkel der Angeklagten. Er wurde immer gerufen, wenn sein Bruder mal wieder "in der Höhe" war und die Nichte Rat brauchte.

Auch am Nachmittag des Tat-Tags, nach dem Einkauf, rief die Nichte in ihrer Verzweiflung den Onkel an. Sie habe starke Blutungen und wolle ins Krankenhaus. Ihr Vater weigere sich, sie zu fahren. Der Onkel organisierte daraufhin einen Bekannten als Fahrer und wartete am Weidener Klinikum mit einer Krankenschwester. "Ich war der Meinung, sie steht kurz vor der Entbindung."

Als die Krankenschwester die Patientin fragte, ob sie schwanger sei, habe die Nichte mit "Ja" geantwortet. Nach einer Stunde im Kreißsaal wurde die 21-Jährige auf die Station verlegt. Ohne ein Baby. In einer Prospekthülle sah die Lebensgefährtin des Onkels ein Ultraschallbild: "Da war kein Kind zu sehen."

Fragen an das Pflegepersonal blieben mit Verweis auf die Schweigepflicht unbeantwortet. "Da müssten wir Steffi selbst fragen." Er folgerte daraus, dass die Nichte ihr Kind tatsächlich zur Adoption freigegeben habe. Am Abend sei er nochmal zu ihr ins Klinikum gefahren. Inzwischen hatte er in ihren Sachen daheim auch den von den Ärzten geforderten Mutterpass gefunden und abgegeben. "Ich habe sie in den Arm genommen und gesagt: Steffi, überleg's dir nochmal, mach keinen Quatsch." Ihre Reaktion? "Sie hat geweint."

Der Onkel sagt: "Steffi hatte niemanden." Ihm tut die Nichte leid, das wird am Donnerstag schon am Anfang der Verhandlung deutlich, als er ihr half, das Gesicht vor den Kameras mit einer Jacke zu verbergen. Wieder ist auch der ganze Schwurgerichtssaal bis auf den wirklich allerletzten Platz besetzt mit Zuhörern. Am Nachmittag werden weitere Angehörige und Beschäftigte des Supermarktes gehört.
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