Rund 500 junge Menschen in der nördlichen Oberpfalz sind von harten Drogen abhängig
"Mein Kind macht mich verrückt"

Das Ausflippen scheinen Sie perfekt zu beherrschen - wollen Sie das weiter üben oder ein besseres Leben?

"Wir als Eltern leiden viel mehr als der Drogenabhängige", beschreibt Raimund H. (Name von der Redaktion geändert) den Balanceakt zwischen Hoffen und Verzweifeln. "Das nimmt keiner wahr."

27 leidgeprüfte Väter, Mütter und Geschwister rückten - bei einem gemeinsamen Projekt von "Need no Speed" und dem Lions Club "Goldene Straße" - vom gesellschaftlichen Rand in den Mittelpunkt. Gerhard Krones, Sozialpädagoge und pensionierter Drogenberater der Caritas, kümmerte sich ein Wochenende intensiv um die Angste, Sorgen und Nöte der Eltern.

"Für die Betroffenen war es eine Wohltat, in Waldecks idyllischen Hollerhöfen anonym ihrem belastenden Alltag entfliehen zu können", erklärt Lions-Vorsitzende Sabine Märtin das Konzept, das ihr Club organisierte und Hotel-Chefin Elisabeth Zintl finanziell unterstützte.

"Wir wussten nicht mehr, wie wir mit Jochen (damals 16) umgehen sollen", erklärt Raimund H. das Dilemma. "Einmal haben wir die ganze Nacht mit dem Jungen geredet, hatten Hoffnung, alles schien in Ordnung zu kommen - und zwei Tage später kam er völlig zugedröhnt nach Hause, unansprechbar, randalierte." Mutter Renate wollte nur noch schreien: "Hilfe, mein Kind macht mich verrückt!"

Krones versucht, Tipps zu geben. Seine Jahrzehnte lange Beratungserfahrung lässt ihn so schnell nicht aus der Haut fahren. "Auch in der Praxis kann eine Situation eskalieren", sagt er und findet immer einen humorvollen Spruch, der den Crystal-Koller dämpft: "Das Ausflippen scheinen Sie perfekt zu beherrschen - wollen Sie das weiter üben oder ein besseres Leben?"

Mutter ist "ausgeflippt"

Scham und Selbstvorwürfe sind immer präsent. "Was haben wir falsch gemacht?", fragt sich Renate H. täglich und versteht nicht, wann das mit Jochen aus dem Ruder zu laufen begann. "Er war ein eher schüchterner Junge, aber hat ganz erfolgreich im Verein gespielt - von heute auf morgen waren die Jalousien runter."

Im wahrsten Sinn des Wortes: verdunkeltes Zimmer, seltsamer Geruch. Dann gerieten sich die Eltern in die Haare. "Ich konnte nicht verstehen, dass mein Mann so ruhig blieb, wenn der Junge nicht nach Hause kam", sagt die Mutter aufgelöst. "Ich bin ausgeflippt, als ihm das Gymnasium wegen Drogenhandels den Rausschmiss androhte und er auch noch Geld klaute und versuchte, nach Frankreich abzuhauen."·"Die Eltern funktionieren nach außen", beschreibt Krones die scheinbare Normalität. "Wenn sie einen geschützten Rahmen haben, öffnen sie sich." Der Sozialpädagoge plädiert seit langem dafür, das ganze Familiensystem in den Mittelpunkt der Drogentherapie zu stellen. "Schon vor 30 Jahren belegte die Forschung, dass das der entscheidende Ansatz ist." Die Psychotherapie sei zu sehr individuumszentriert, beachte zu wenig die gruppendynamischen Prozesse, gerade in der gesellschaftlichen Kernzelle Familie.

"Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Arbeit mit den Eltern zur Verhaltensänderung beim Konsumenten führen kann, noch bevor ich ihn gesehen habe." Langfristig sei die Aussöhnung im heimischen Umfeld das Ziel. "Jetzt ist der Sohn in der Klinik", hätten ihm dankbare Eltern berichtet, nachdem es zu einer Aussöhnung zwischen Großeltern und Eltern gekommen sei. Wenn das Zuhause wieder Kraftfeld ist, kann auch das drogenkranke Kind gesunden - an Körper und Geist. "Welche Kraftquellen haben Sie?", fragte Krones die ausgepumpten Erwachsenen. "Kino, Essen gehen? Es geht um ein eigenes Leben trotz Droge."

Bevor sie Jochen helfen konnten, mussten Renate und Raimund H. erst einmal selbst mit ihrer Situation fertigwerden. "Es ist nicht leicht, wenn einen die engsten Freunde schief anschauen, weil man mit dem eigenen Kind nicht zurechtkommt." In einer Familientherapie lernen sie, ihre eigenen Bedürfnisse zu formulieren. "Eltern sollten nicht mit dem Zeigefinger aufeinander zeigen", weiß Berater Krones, "und dem Jungen sagen, ,du machst mir das Leben schwer'." Besser seien Ich-Botschaften: "Ich bin am Ende meiner Kräfte." Hinter rüden Attacken der Kinder stehe oft die Sehnsucht, gehört zu werden.

Dabei helfen keine billigen psychologischen Tricks, es gehe um die Haltung. "Aus der Ruhe sprechen und klare Botschaften vermitteln", schlägt Krones vor. "Oft werden eher Geräusche erzielt, als Botschaften vermittelt, die im Herzen ankommen." Leichter gesagt als getan, erinnert sich Raimund H. "Er war uns fremd, da ist es nicht so einfach, dem Sohn wieder nah zu kommen." Als sie ihr eigenes Gleichgewicht wieder fanden, hatten sie die Ruhe, "ihn sich einfach einmal auskotzen" zu lassen. "Wir wussten gar nicht, dass er sich so verletzt gefühlt hatte - vieles war uns nicht bewusst und auch nicht so gemeint." Pubertär macht eben doppelt sensibel. Die neue Ruhe der Eltern macht es möglich, dass ein echtes Gespräch zustande kommt.

"Danke, danke, danke ..."

Die Veranstalter sind am Ende des Wochenendes überrascht, welchen Impuls diese zwei Tage den leidgeprüften "Ko-Abhängigen" verleihen. "Danke, danke, danke!", schreibt ein Teilnehmer auf einen Bewertungsbogen. "Nur starke Eltern sind erfolgreich im Kampf gegen die Droge - und stark werden wir, wenn es uns Eltern gut geht." Die euphorische Resonanz beflügelt auch den pensionierten Berater im Unruhestand:

"Schade ist nur, dass ein paar Eltern, die Kontakt aufgenommen hatten, den Schritt zu uns aus Scham nicht schafften." Für sie wünscht er sich, dass sie sich die Worte eines anderen Teilnehmers zu Herzen nehmen: "Ich möchte alle Betroffenen dazu auffordern, solche Angebote anzunehmen. Es ist sehr hilfreich, sich mit Leidgenossen auszutauschen und ohne Scham und Schuldgefühle offen reden zu können."

Für Familie H. ist dieses Kapitel längst abgeschlossen, Sohn Jochen steht mit beiden Beinen im Leben: "Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht mehr so genau, was mich damals geritten hat." Eines aber steht für ihn fest: "Es war ein schmaler Grat, ich habe alles eingeschmissen, was ich in die Finger bekam - und hatte viel Glück und super Eltern."

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Voranmeldung für geplantes Wochenende im Herbst bei Gerhard Krones unter (09646) 707. Unsere Crystal-Serie auf: www.oberpfalznetz.de/crystal
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