Unternehmen bezahlen falsche Rechnungen
Abzocke bei der Gründung

Besser den Stift wieder zur Seite legen. Die Überweisungsformulare legen dubiose Unternehmer ihren fingierten Rechnungen gleich bei. Dabei handelt es sich um "Angebote", die als unseriös gelten. Bild: Götz
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Weiden in der Oberpfalz
09.09.2015
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Die Masche ist raffiniert und einträglich: Firmen, die einen Eintrag ins Handelsregister vornehmen, bekommen eine Offerte, die einer Rechnung täuschend ähnlich sieht. Und wohl auch soll. Viele Unternehmen zahlen. Völlig unnötig.

"Handelsregisterbekanntmachung", "Gewerbe & Handels Kammer". Ein Strichcode, Schreibmaschinen-Schrifttype, ein Überweisungsträger. Die explizite Aufforderung, innerhalb der angegebenen Frist zu zahlen. Alles an diesem Brief, den Firmengründer Jonas Z.* aus dem Landkreis Neustadt/WN nur drei Tage nach der Eintragung ins Handelsregister bekam, erweckt den Eindruck einer Rechnung. "Da meinst Du, das ist vom Amtsgericht", sagt Z.. Die Veröffentlichung eines Handelsregistertextes koste 796 Euro inklusive 19 Prozent Umsatzsteuer. In einem anderen Fall 546,21 Euro. In Wirklichkeit handelt es sich bei dem Schreiben um einen raffinierten Versuch, Geschäftsleute abzuzocken.

Keine Verpflichtung

Z. hat gezahlt - an ein Unternehmen namens "HRB". Die Abkürzung soll wohl eine Assoziation zu "Handels-Register-Blatt" herstellen. Tatsächlich heißt die Firma "HRB Tailor GmbH". Viel zu spät merkte Z., dass dazu überhaupt kein Anlass und erst recht keine rechtliche oder vertragliche Verpflichtung bestand. "Geschickt und dreist", nennt Rechtspfleger Gerhard Alwang aus Weiden diese Methode. "Die Anbieter erwecken den Eindruck eines offiziellen Schreibens." Für Laien sei der Unterschied nicht auf Anhieb zu erkennen.

Alwang betont, dass jeder Firmengründer genau zwei Rechnungen bekommt: eine von der Landesjustizkasse aus Bamberg für den Eintrag ins gerichtliche Handelsregister und eine zweite Rechnung von einem Notar, der Unternehmensgründungen beurkundet. Die Summe dieser Beträge sei zum Teil wesentlich niedriger als die "Offerte" auf dem dubiosen Schreiben. "Offerte" - dieses Stichwort machen sich die Verfasser zunutze. Es erscheint allerdings nur im sehr kleingedruckten Begleittext, den wohl die Wenigsten genau lesen.

Dort steht auch, dass der Betrag bei Annahme der Offerte zu entrichten sei. Das Wort Rechnung taucht nirgends auf. Ein geschickter Schachzug, um sich rechtlich abzusichern. "Da ist der Staat gefordert", schimpft Z. "Das ist für mich Betrug, was die machen." Er möchte sein Geld zurück und hat der "HRB Tailor GmbH" schriftlich eine Frist von einer Woche gesetzt. Eine Reaktion auf sein Einschreiben hat er noch nicht erhalten. Z. hat keinen Nutzen von der Offerte der "HRB Tailor GmbH". "Dieser Eintrag interessiert keinen", sagt Z.. Brancheneinträge und Verzeichnisse im Internet und Werbung sind offenbar ohnehin das große Geschäft. "Inzwischen werde ich tagtäglich angerufen." Immer Angebote für derartige Einträge, die Verträge dafür solle er am besten gleich telefonisch abschließen. Rückrufe und persönliche Besuche würden die Anrufer ablehnen. "Die wollen nur ein Telefongeschäft", sagt er. Wer Ja sagt, hat einen Vertrag geschlossen.

Kein Telefon, nur Mail

Z. hat tatsächlich einen Datenbankeintrag bei der "HRB" bekommen. Genannt sind Name und Adresse der Firma, der Gerichtsstand, die Handelsregisterblattnummer sowie der Handelsregistertext. Also all das, was ohnehin im elektronischen Bundesanzeiger automatisch veröffentlich wird. Auch ein Blick auf die Internetseiten des Unternehmens lässt Zweifel an dessen Seriosität aufkommen: Im Impressum der Seite www.handelsregisterbekanntmachung.eu fehlen Angaben zum Geschäftsführer oder eine Telefonnummer. Eine fernmündliche Kontaktaufnahme ist nicht gewünscht. In den Allgemeinen Geschäftsbedingungen heißt es, dass die "HRB keinen telefonischen Kundenservice ... vorhält". Alle Anliegen seien in Schriftform beizubringen. Immerhin lässt sich herausfinden, wer Inhaber der Internetadresse ist: Joannis Kaplanis aus Düsseldorf. Er ist laut Auszug aus dem Register des Amtsgerichts Frankfurt auch Geschäftsführer der HRB Tailor GmbH. Der Gegenstand des Unternehmens: "Handel mit Textilien, Accessoires und Printmedien, Marketing."

Gerichte, Notare und Steuerberater und Verbraucherverbände warnen inzwischen vor solchen dubiosen Firmen. Der Bundesanzeiger hat auf seiner Internetseite eine Liste der "unlauteren Anbieter" veröffentlicht. Sie hat derzeit mehr als 200 Einträge. Alwang möchte nun mit Notaren ein Merkblatt herausbringen, das Neuunternehmer gleich beim Eintrag der Firma vor solchen "Offerten" warnt. Zudem sucht er sowohl Geschädigte als auch Empfänger, die nicht bezahlt haben, damit er die Vorgänge der Staatsanwaltschaft vorlegen kann. Diese prüft dann, ob die Angebote gesetzeswidrig sind.

Eine Mail-Anfrage unserer Zeitung bei der "HRB Tailor GmbH" blieb unbeantwortet.

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*Der Firmengründer möchte anonym bleiben. Sein Name ist der Redaktion bekannt.
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