Warten auf einen passenden Spender
Knochenmark fürs Happy End

"You are a guardian angel", schrieb Jeff DeVillier (Bild) aus New Orleans an seinen Spender Markus Leiß. "Du bist ein Schutzengel." Das Knochenmark des Weideners hat nicht nur sein Leben gerettet - neues Leben entsteht. Jeff ist gerade mitten in den Hochzeitsvorbereitungen und gründet mit seiner Frau eine Familie. Bild: privat
 
"Es war ein Schock, der mir den Boden unter den Füßen wegriss", berichtet Anja Spitzner.

Es ist ein Moment, der das ganze Leben verändert - die Diagnose Leukämie. Dann heißt es: Warten auf einen passenden Spender. Die Wahrscheinlichkeit, einen genetischen Zwilling zu finden, ist sehr gering. Doch Jeff DeVillier aus New Orleans hat seinen gefunden - in Weiden. Und auch die Polizistin Anja Spitzner hat nun eine Knochenmarkspende bekommen.

Eine digitale Anzeige, die bei "0:00" beginnt und hochzählt. Einen Wimpernschlag später stoppt sie bei "16:00" - "alle 16 Minuten erfährt ein Patient in Deutschland die niederschmetternde Diagnose Blutkrebs", steht auf der Internetseite der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) zu lesen. Für Betroffene eine Diagnose, die ihr Leben verändert.

Das Rennen gegen die Zeit und die Suche nach einem geeigneten Spender musste auch Jeff DeVillier aufnehmen. Der heute 38-jährige Amerikaner hatte Glück. Markus Leiß, Vertriebsleiter der Firma Einhäupl in Weiden, ließ sich 2001 als potenzieller Stammzellenspender bei der DKMS registrieren. Im Oktober 2005 erhielt der Familienvater die Nachricht, als geeigneter Spender für einen damals 28-jährigen Blutkrebspatienten infrage zu kommen.

Keinen Alltag mehr

Auf die erlösende Nachricht, einen passenden Spender gefunden zu haben, wartete auch Anja Spitzner drei Monate lang. "Es war ein Schock, der mir den Boden unter den Füßen weggerissen hat. Man hat plötzlich keine Wahl mehr", beschreibt die 30-jährige Polizistin aus Vohenstrauß (Kreis Neustadt/WN) den Moment, als sie kurz vor Weihnachten die Diagnose Leukämie erhielt. Die junge Frau litt immer wieder unter Bauchschmerzen. Deshalb drängte ihre Mutter sie, zum Arzt zu gehen.

Nach eine Punktion des Knochenmarks wurde aus Angst Gewissheit - Blutkrebs. "Ich habe keinen Alltag mehr, denke nur noch von Tag zu Tag und hoffe, dass es gute Tage werden", beschreibt sie die Veränderung in ihrem Leben. Als feststand, dass sie nur eine Stammzellentransplantation retten kann, organisierte ihre Cousine Manuela Riffel eine groß angelegte Typisierungsaktion. In Deutschland sind rund 3000 Menschen von der Krankheit betroffen. Nur etwa ein Drittel von ihnen findet innerhalb der Familie einen geeigneten Spender. Alle anderen setzen ihre Hoffnung in eine Typisierungsaktion.

Doch eine solche Typisierung kostet viel Geld: Pro zu untersuchender Probe fallen 50 Euro an. Freunde und Familie richteten unter dem Motto "Anja will leben" ein Spendenkonto ein und organisierten Benefiz-Veranstaltungen. Das Engagement zahlte sich aus: Auf das Hilfskonto wurden 106 000 Euro eingezahlt. Anja war von der Hilfsbereitschaft überwältigt: 2543 Menschen ließen sich in der Stadthalle in Vohenstrauß testen - mit Erfolg. Am 13. März erreichte die junge Polizistin die erlösende Nachricht, dass ein passender Spender gefunden wurde.

Schmerz schnell vergessen

Für den genetischen Zwilling von Andreas Leiß hatte das Warten erst nach vier Jahren ein Ende. "Ich habe keine Sekunde gezögert", sagt der Weidener, "als ich die Nachricht erhalten habe, in der engeren Auswahl für eine Stammzellspende zu sein." Es folgten eine Feintypisierung beim Hausarzt und eine weitere im Klinikum Süd in Nürnberg. Beide mit positivem Ergebnis. "Es ging alles ganz schnell", erinnert sich Leiß. "Am Sonntag musste ich nach Nürnberg ins Klinikum zum Gesundheitscheck." Und bereits am Montag war der Tag der Spende.

Eineinhalb Liter Blut-Knochenmark-Gemisch entnahmen die Ärzte aus seinem Beckenknochen. Aus Angst vor dem Eingriff lassen sich viele Menschen nicht typisieren. "Dabei ist das einzige Risiko die Narkose." Das Knochenmark regeneriere sich bereits innerhalb von zwei Wochen. Die Schmerzen nach der Behandlung seien mit einer Prellung vergleichbar, "als hätte einen ein Pferd getreten", erklärt der 45-Jährige. "Am Dienstagmorgen durfte ich schon wieder nach Hause. Und denkt man an das gute Werk, ist der Schmerz schnell vergessen." Was viele nicht wissen: Bei rund 80 Prozent der Spenden ist keine Operation notwendig. Bei der "peripheren Stammzellspende" werden die Zellen nicht aus dem Beckenknochen, sondern aus der Blutbahn entnommen.

Weltweit haben sich mehr als 24 Millionen Personen als Stammzellenspender typisieren lassen. Eine hohe Zahl, die sich in Anbetracht des geringen Wahrscheinlichkeitsgrads relativiert - die Chance, einen Spender zu finden, liegt zwischen 1:20 000 bis 1:mehreren Millionen. Wem Markus Leiß die Chance auf ein neues Leben schenkte, erfuhr er zunächst nicht. "Eine persönliche Kontaktaufnahme ist erst nach zwei Jahren möglich", erklärt der Lebensretter. "Aber das hat für mich keine Rolle gespielt." Diese Krankheit könne jeden treffen - "genauso gut jemanden aus der eigenen Familie".

Anja Spitzner weiß bislang nicht, wem sie die lebensrettende Knochenmarkspende, die ihr Ende April im Uniklinikum Regensburg verabreicht wurde, zu verdanken hat. Manche Spender machen sich ein Bild von ihrem unsichtbaren Gegenüber: Handelt es um einen Familienvater, der in die Augen seiner Tochter blickt und weiß, dass er ohne Stammzellspende nicht erleben wird, wie seine Prinzessin aufwächst?

Happy End: Hochzeit

Markus Leiß steht mit Jeff DeVillier inzwischen in regem E-Mail-Kontakt: "Zurzeit rührt er sich aber selten, weil er mitten in den Hochzeitsvorbereitungen steckt", freut sich der Retter über das außergewöhnliche Happy End. "Was kann schöner sein, als zu sehen, dass der Empfänger der Spende glücklich ist?"
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