Diagnosen aus dem Internet
„Dr. Google“ behandelt mit

Es zwickt hier, es zwackt da. Seit Tagen. Aber sich deshalb gleich in ein überfülltes Wartezimmer setzen und den Arzt konsultieren? Es geht jetzt doch auch einfacher und schneller: Fast jeder Internetnutzer hat schon mal seine „Wehwechen“ gegoogelt.

„Das Thema ist nicht neu“, bestätigt Dr. Wolfgang Rechl. Der Internist aus Weiden ist als zweiter Vizepräsident der bayerischen Landesärztekammer mit dem Problem „Diagnosen aus dem Internet“ bestens vertraut.

Erst Ende des vergangenen Jahres ergab eine repräsentative Studie im Auftrag des privaten Krankenhausbetreibers Asklepios-Kliniken Hamburg, dass zwei Drittel der Deutschen sich im Internet schon einmal über alternative Behandlungsmöglichkeiten informiert haben (siehe Kasten). Aber auch die erste Diagnose holen sich viele heutzutage nicht beim Arzt ihres Vertrauens, sondern bei „Dr. Google“.

„Wir müssen definitiv mit der Zeit gehen“, meint Rechl dazu. „Google und andere Portale verbreiten nun mal Informationen, und das ist auch gut so. Wir wollen ja den aufgeklärten Patienten und mündigen Gesprächspartner.“ Dabei hat der Internist, der in einer Weidener Gemeinschaftspraxis tätig ist, einen Generationswandel beobachtet. Es seien vermehrt die jüngeren Patienten, die sich im Internet informieren.

„Die Älteren wollen das nicht so, die vertrauen eher ihrem Hausarzt. Nun ist die spannende Frage, wer ist besser dran?“, sagt Rechl. Generell sinnvoll findet es der Mediziner, dass chronisch Kranke online Rat zum Umgang mit ihrem Leiden einholen. „Die Patienten können nachlesen, wie sie sich richtig verhalten, und dazulernen.“ Doch da beginne auch schon das Problem. „Im Netz gibt es halt eine solche Fülle an Informationen, dass es schwierig ist, die wirklich nützlichen herauszufiltern. Man muss mit den Informationen auch umgehen können.“


Dr. Wolfgang Rechl hat einen neuen Kollegen: „Dr. Google“ diagnostiziert heute häufig mit – nicht immer zum Wohle der Patienten. Bild: m

Rechl sieht zwei Gefahren von Internet-Diagnosen: „Der eine geht dann trotz seiner Beschwerden nicht zum Arzt, weil er glaubt, ihm fehlt gar nichts. Und der andere geht nicht zum Arzt, weil er meint, dass es eh nichts mehr hilft.“ Selbst wenn der Patient nachträglich eine ärztliche Diagnose recherchiere, sei Vorsicht angebracht. „Auch da ist nicht eindeutig, wie die Therapie aussehen soll. Ein Blaseninfekt kann zum Beispiel immer wieder auftreten, dann sind Antibiotika nicht unbedingt nötig. Er kann aber auch einmalig auftreten und schwer verlaufen, zum Beispiel mit einer Nierenbeckenentzündung. Dann muss eine Therapie mit Antibiotika sein,“ erläutert der Mediziner.

Sogar der Blick in Selbsthilfe-Foren schade oft mehr als er nutze, sagt Rechl: „Dort dominieren naturgemäß die Beiträge der schwer kranken Patienten. Es gibt aber bei vielen Erkrankungen eine große Bandbreite von Verlaufsformen, wie etwa bei der Multiplen Sklerose.“ Gerade auf psychisch labile Persönlichkeiten wirkten die Schreckensszenarios aus dem Netz dann sehr negativ. Zudem seien Fehlinterpretationen Tür und Tor geöffnet, wenn die Patienten die Informationen nicht richtig einordnen könnten.

Bei der Informationsbeschaffung gilt: Vernunft walten lassen


Ein weiteres Problem sieht der Weidener Mediziner darin, dass die Internet-Informationen nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft seien. „Das ist ja auch gar nicht machbar.“ Rechl rät zur Online-Recherche deshalb allgemein: „Man darf sich nicht einschüchtern lassen. Der Patient sollte immer auf dem Boden der Tatsachen bleiben – und sich mit den Fachleuten besprechen!“ Eine Empfehlung für „sichere“ Webseiten mag der Arzt und Verbandsvorstand nicht geben: „Man muss bei der Informationsbeschaffung im Internet einfach eine gewisse Vernunft walten lassen“, sagt Rechl.

Andere Mediziner gehen hingegen bewusst in die Offensive. Der Hamburger Klinikarzt Dr. Johannes Wimmer beispielsweise hat seit Anfang 2014 eine eigene Website aufgebaut: Unterwww.doktor-johannes.de erhalten Patienten Informationen zu zahlreichen Krankheitsbildern und Behandlungsmethoden. „Mein Problem war, dass ich in meinem Berufsalltag teilweise täglich mit Patienten zu tun hatte, die falsch informiert oder sogar panisch waren, weil sie selbst online recherchiert hatten,“ erläutert der 31-Jährige seine Motivation.


Dr. Johannes Wimmer

Im Mittelpunkt von Wimmers Präsenz steht die verbesserte Arzt-Patient-Kommunikation. „Dr. Johannes“ erklärt unter anderem, wie man mit Medizinern reden muss, um maximalen Nutzen aus dem Gespräch zu ziehen. „Ich möchte, dass Sie Ihren Ärzten sagen können, was Ihre Wünsche und Ängste sind. Wir werden es zusammen schaffen, dass die Ärzte auf Ihre Bedürfnisse eingehen“, schreibt Wimmer auf der Website.

Seine Internetpräsenz stoße überwiegend auf positive Resonanz – bei Patienten wie bei Medizinern. „Viele Ärzte sind ja selbst mit dem Problem konfrontiert, dass sie mit vollkommen falsch informierten Patienten zu tun haben. Vor allem niedergelassene Kollegen leiten diese dann inzwischen oft an meine Homepage weiter.“ Die will Wimmer auch deshalb immer weiter ausbauen.

Bei „Dr. Johannes“ findet der Nutzer neben Texten vor allem Videos, in denen Wimmer mit möglichst einfachen Worten Medizin erklärt: „Dann bleibt es auch hängen“, glaubt der Hamburger Arzt. In medizinischen Fragen könne das Internet für den Patienten wie ein Navi im Auto funktionieren: „Online können wir durchaus Wissen hochwertig und wahrheitsgemäß vermitteln.“

Patienten, die im Netz recherchieren, sollten jedoch einiges beachten. Wimmer betont: „Wichtig ist, nicht nur einer einzigen Quelle zu glauben. Und man muss immer genau hinsehen, wer da geschrieben hat.“ Unikliniken und medizinische Fachgesellschaften, so „Dr. Johannes“, seien aber auf jeden Fall vertrauenswürdig.

Den von Rechl beobachteten Generationsunterschied kann Wimmer nicht bestätigen. „Es ist allenfalls so, dass die jüngeren Patienten entspannter mit dem Internet umgehen. In der Altersgruppe von 50 aufwärts gibt es hingegen Patienten, die stundenlang im Internet suchen und 80 bis 90 Seiten ausdrucken.“ Da sei es dann auch kein Wunder, wenn der behandelnde Arzt kapituliere.

Zweite Meinung


Wie eine Ende 2014 veröffentlichte Studie offenbart, geben sich viele Patienten nicht mit den Informationen ihres behandelnden Arztes zufrieden.

Zwei Drittel der Deutschen haben sich demnach zusätzlich zum Arztbesuch bereits mindestens einmal über Alternativen in der Behandlung informiert. Dabei vertrauen die meisten Patienten auf Informationen aus dem Internet, nämlich 65 Prozent.

Fast genauso viele (64 Prozent) wenden sich jedoch auch an Familienmitglieder oder Freunde. Auffallend ist, dass nur 52 Prozent zusätzlich Rat bei einem anderen Mediziner suchen. Die Tendenz, eine zweite ärztliche Meinung einzuholen, ist um so größer, je schwerer das Krankheitsbild ist. 83 Prozent der Befragten gaben an, dass ihnen dies im Falle einer Krebserkrankung wichtig sei. Auch bei neurologischen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen würden gut zwei Drittel der Patienten gerne einen weiteren Arzt konsultieren.

Quelle: „Ärzte Zeitung online“ vom 3. Dezember 2014, „Studie zeigt: Noch drängen Patienten nicht auf Zweitmeinung“

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Beitrag zum Thema auf aerzteblatt.de
Studie zur Zweitmeinung auf aerzteblatt.de
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