Die Flüchtlinge fiebern für das deutsche Team
Yalla yalla, Deutschland!

Suliman (Mitte) und seine Freunde fiebern für das deutsche Team. In ihrer Heimat in Syrien und dem Irak sind die Leute genauso fußballverrückt wie hier auch, bestätigen sie. Bilder: Luber (2)
 
Wenn der Vater was erklärt, ist der Fernseher schnell vergessen. Hossam zeigt seinem kleinen Sohn Abdurrahman, wo Britannien und das kleine Nordirland liegen.

Das ganze Land jubelt beim Spiel gegen Nordirland. Auch die Flüchtlinge in der Gemeinschaftsunterkunft im Camp Pitman in Weiden. Natürlich fiebern sie für die deutsche Elf . Und sie sind sich sicher: "Unser Team gewinnt den Pokal bei der Europameisterschaft."

Der Röhrenfernseher im Gemeinschaftsraum ist nicht der beste. Die Kommentatoren sind schwer zu verstehen, das Bild ist unscharf. Doch die Stimmung im Haus 6 im Camp Pitman könnte besser nicht sein. "Schweinsteiger", antworten die Jungs als erstes auf die Frage, welche Spieler sie kennen. Doch als die Mannschaft aufs Feld läuft, wird klar, dass sie sie alle kennen: von Neuer über Gomez bis Kimmich. "Leider spielt der Lahm nicht mehr", bedauert Suliman. Der 18-Jährige hat schon in Syrien Fußball gespielt. Zuletzt war er beim SV Immenreuth aktiv. Jetzt geht er auf die FOS in Weiden, um Abitur zu machen.

Wie überall, nur ohne Bier


Anpfiff: Jubel und Klatschen bei den vielen großen Chancen für die Deutschen. In der Flüchtlingsunterkunft geht es zu wie in jeder anderen deutschen Fußballkneipe. Mit dem Unterschied, dass es kein Bier gibt. "Das hätte ich nicht gedacht. Aber die Feste hier sind genauso lustig, obwohl die keinen Tropfen trinken", erzählt Manfred Weiß, Ehrenamtskoordinator der Diakonie im Camp.

"Gelbe Karte", protestiert Suliman, als ein deutscher Spieler gefoult wird. Er und seine Freunde nicken zufrieden, als der Schiedsrichter das genauso sieht. Dann, in der 29. Minute: Özil, Gomez, Müller, Gomez und: "Tor!", jubeln die Menschen in ganz Deutschland. Suliman, Dilshad, Reza, Hossam und Ebrahim ballen die Siegerfaust. "Almania, Almania!", rufen sie. Die meisten sind aus Kriegsgebieten in Syrien und dem Irak.

Eine Frau spitzt ins Zimmer und beobachtet lächelnd den Torjubel. "Komm rein, setz dich", lädt Weiß sie ein. Nein, nein, sie interessiere sich nicht für Fußball. Außerdem müsse sie kochen. Die Essenszubereitung ist zur Zeit ganz wichtig. Die Muslime sind mitten im Fastenmonat Ramadan. Zwischen Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang essen und trinken sie nichts. Heute hatte Suliman Sportunterricht. "Das geht schon, zum Glück ist es nicht so heiß", gibt sich der junge Mann sportlich. Ob der ausgelassene Fußballjubel denn zu dem strengen religiösen Brauch passe? "Klar, Spaß muss sein", sagt er.

Erdkunde in der Halbzeit


Halbzeitpause: Hossam al Dalati nutzt die Gelegenheit, um seinem Sohn auf der Europa-Karte im Gruppenraum zu zeigen, wo Nordirland liegt. Der 51-jährige Vater aus der syrischen Hauptstadt Damaskus ist mit seinem Abdurrahman allein in Deutschland, erzählt Weiß. Der 11-Jährige stellt fest: "Mein Papa tippt bei der EM auf Spanien. Aber ich bin für Deutschland!" Viele im Raum stimmen ihm zu. "Die deutsche Mannschaft ist Weltmeister, Das sind die Besten", ist Said überzeugt. Die Rede kommt auf die letzte Weltmeisterschaft 2014. Fast alle haben den Sieg der Deutschen mitverfolgt. "Da war ich noch in Syrien", erzählt Suliman. Ja, da war schon Krieg. "Aber mein Dorf im Norden war noch verschont. Jetzt ist das meiste zerstört."

Die zweite Halbzeit beginnt: Schon sind seine Blicke wieder auf den Bildschirm gerichtet. "Yalla yalla", feuern die Flüchtlinge Götze und Co. an. Was das heißt? "Schnell, los geht's, come on", übersetzen sie. "Auf geht's auf Bayerisch", schlägt Weiß vor. "Yalla yalla, auf geht's", schallt es aus dem Gruppenraum bis zum Abpfiff. Ein weiteres Tor gibt es zwar nicht, aber bis zum EM-Sieg sind hoffentlich noch einige Tore zu bejubeln.

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Weitere Bilder im Internet:

www.onetz.de/1677478
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