Die verlorenen Gärten von Heligan (England)
Dornröschen lässt grüßen

Löwenmäulchen und Wicken sind in diesem Gartenabschnitt die Hingucker im Hochsommer. Sie bilden aber nur einen kleinen Ausschnitt aus der enormen Bandbreite vom Nutzgarten bis hin zum typisch englischen Landschaftsgarten. Bilder: Bugl (4)
 
Riesige Farne, Mammutblätter und ungewöhnliche Blüten finden sich im Dschungelbereich der "Lost Gardens of Heligan".

Fast hätte der grüne Unkraut-Schleier alles erstickt: die seltenen Rhododendren aus dem Himalaya, den tropischen Zauber Neuseelands und die gelbe Blütenpracht Nepals - versammelt in einem Garten, der in 25 Jahren neu erblüht ist.

Mevagissey. "The lost Gardens of Heligan" (die verlorenen Gärten von Heligan) heißt einer der bezaubernsten Orte in der englischen Grafschaft Cornwall. Hier ist in geballter Form anzutreffen, was die britischen Botaniker und Hobbygärtner in Jahrhunderten gesammelt, kultiviert und kombiniert haben. Gartenliebhaber können hin und her pendeln zwischen einem Dschungel mit subtropischen Pflanzen, gigantischen Farnen, Bambus-Tunnel und Bananenstauden, einem ummauerten italienische Garten oder dem gepflegten viktorianischen Nutzgarten. Sogar die Flora Neuseelands hat einen Platz in diesem Gartenkosmos, der beinahe für immer verloren gegangen wäre.

Mehr als 400 Jahre lang war das 400 Hektar große Areal beim Fischerort Mevagissey im Besitz der Familie Tremayne. Bis zu 22 Gärtner waren hier am Ende des 19. Jahrhundert angestellt. Und der Ehrgeiz englischer Gärtner war groß, wenn auch ihr Leben dank giftiger Spritzmittel oft kurz war. Als "Witwenmacher" galten die Apparaturen, mit denen sie unerwünschtem Unkraut und Pilzen zuleibe rückten. Doch im Fall von Heligan war es wohl der Erste Weltkrieg, der den Niedergang der Gartenanlagen einleitete: Die Gärtner zogen in den Krieg, das Anwesen wurde zum Genesungsheim - und das Unkraut hatte freie Bahn.

Bis vor 25 Jahren John Willis, ein Nachfahre der Familie Tremayne, mit dem Musikproduzenten Tim Smit und seinem Freund John Nelson erneut der typisch englischen Gartenleidenschaft erlag: Mit einem Heer von Experten wurde wieder ausgegraben, was in der Blütezeit des Empires die Gartenliebhaber in Entzücken versetzt hatte. Da ist der Dschungel mit einer nagelneuen Hängebrücke über mehrere kleine Teiche. Naturnah und voller bunter Wiesenblumen gibt sich das Weidegelände nebenan, gepflegt in grellem Grün wirbt der "englische Garten" für sich. "Flora's Green" heißt die zentrale Rasenfläche, die von geschichtsträchtigen Rhododendren umgeben ist: Botaniker Joseph Dalton Hooker hat sie Mitte des 19. Jahrhunderts aus Sikkim im Himalaya importiert. Mit 60 Metern Durchmesser zählen sie zu den größten der Welt.

Wunschbrunnen, Kristallgrotte, Gewächshäuser und Backsteinmauern sollten aber nicht die Lords und Ladies rühmen, sondern den hart arbeitenden Gärtnern ein Denkmal setzen. Auch der Nutzgarten mit Kopfsalat, Zucchini und Fenchel hat deshalb seinen Platz neben Feldern voller Löwenmäulchen und prächtigen Wicken. Die Anbaumethoden sind die gleichen wie zu Zeiten von Königin Viktoria. 300 Obst- und Gemüsesorten werden hier kultiviert, mit Hippen und Jätekrallen, Distelstechern und Hohlspatel.

Doch auch für moderne Garten-Magie ist Platz in Heligan: Dafür stehen die Erd-Skulpturen der Künstlerin Susan Hill. Während ihre "Mud Maid" (Schlamm-Frau) noch träumt, ist der Boden, auf dem sie schläft, längst erwacht: Der fast verlorenen Gärten sind zu einem Touristen-Magneten geworden.
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