Über die Oberpfalz schweben mit dem größten Heißluftballon Europas
"Da oben bist einfach wer"

Feuer frei. Josef Höcherl, Ballonpilot und Chef des Flugzentrums Bayerwald, dem einzig lizensierten Ballonfahrtunternehmen in der Oberpfalz, beginnt damit, die mit den Ventilatoren rechter und linker Hand in den Ballon gewirbelte Luft zu erhitzen. Etwa 100 Grad heiß wird die Luft, dann reckt sich der Ballon 60 Meter in den Himmel. Bilder: Baumgärtner (9)
 
Bis der richtige Startplatz gefunden ist, steht der Korb auf dem Anhänger.
 
Josef Bosl (Zweiter von links) erkärt den Passagieren, was gleich auf sie zukommt.

Mit 85 Jahren erfüllte sich eine Weidenerin den Lebenstraum vom Ballonfahren. Wir berichteten. Doch mit welchem Ballon? Im Vergleich zu den Vorjahren scheinen kaum mehr bunte Punkte am Himmel über Weiden zu schweben. Woran's liegt, erklärt Pilot Schorsch - in bis zu 3000 Metern Höhe.

Weiden/Neunburg vorm Wald. Das Wetter hält. Kein Regen ist in Sicht. Doch die angenehme Brise, die an diesem Abend den Passagieren nahe des Sportplatzes in Neunburg vorm Wald um die Nase zieht, treibt Schorsch Höcherl um: "Für unsere Ballonfahrt muss es unten windstill sein, oben darf's wehen", informiert der Pilot und Chef des Flugzentrums Bayerwald, steigt in den Sprinter und düst auf der Suche nach einem "g'scheiten Startplatz" davon. Zurück bleiben der Zweiachser mit Korb und Josef Bosl vom "Bodenpersonal".

Viele warten seit Jahren auf diese Fahrt, nehmen bis zu einer Stunde Anfahrt auf sich. "Die Nachfrage ist ungebrochen hoch, wir sind total ausgebucht", erklärt Schorsch später. Wären nicht die Probleme, Ballonpiloten zu finden oder Luftzulassungen zu bekommen, könnte er viel öfter (Propan-)Gas geben und abheben. Heuer habe sich die Startsituation nochmals verschärft: des wechselhaften Wetters wegen. "Der ständige Regen, die Gewitter", schimpft der 52-Jährige: "Ich mache den ganzen Tag nichts anderes als Wetterkarten studieren."

25 Grad hat es an diesem Abend. Kein Lüftlein weht über die Wiesen und Felder, die alle auf Geheiß von Schorsch im Auto-Konvoi ansteuerten. Gut schaut's aus. Aber los geht's noch lange nicht. Einige wuchten den Korb vom Zweiachser. Andere ziehen den Mega-Ballon aus der Schutzhülle und breiten die schlaffe Hülle auf der Wiese aus. Seile müssen angebracht, Ventilatoren positioniert werden. "Ich habe mir das entspannter vorgestellt", schnauft Dr. Knut Thielsen, Ex-Chef am Weidener Elly-Heuss-Gymnasium, amtierender Schulleiter am Gymnasium Eschenbach. Aber was tut man nicht alles, um gleich mit dem größten Heißluftballon Europas abzuheben.

"Einsteigen, los, los"


12 500 Kubikmeter oder bis zu 15 Einfamilienhäuser fasst der Ballon. 60 Meter ragt er in die Höhe. Die vier Gasbrenner, einer hat 3000 PS, heizen die Luft im Inneren auf 100 Grad, dadurch stellt er sich auf, macht sich bereit zum Abheben. 19 Passagiere, verteilt auf fünf Abteile, fasst der Korb. Mittendrin steht Pilot Schorsch, umringt von Gasflaschen, Höhenmessern und Navigationsgeräten. Das alles hat seinen Preis: Über 200 000 Euro investierte Schorsch in diesen einen von vier Ballons. Um die 200 Euro zahlen die Passagier für die Fahrt.

Imposant reckt sich der Ballon in die Senkrechte. "Einsteigen, los, los", ruft Schorsch und winkt. Die Passagiere klettern über Steiglöcher über die Gummi-Reling und rutschen in den Korb. Bosl vom Bodenpersonal hievt eine Gasflasche aus dem Korb, löst die Leinen, geht rückwärts und reckt den Daumen hoch. Der Brenner über den Köpfen der Passagiere faucht laut, der Boden weicht sanft. Es ist ein lautloses Entgleiten. Kein Vergleich zum Urlaubsflieger. Die Welt beginnt zu schrumpfen. Der Wind übernimmt das Ruder.

Er treibt den Ballon mit einem Spitzentempo von knapp 40 Stundenkilometern über in Abendsonne getauchte Häuser, Wälder, Seen und Felder in Richtung Rötz. Auf bis zu 3000 Meter über Normalnull. Es herrscht ehrfürchtiges Schweigen da oben zwischen den Schönwetterwölkchen. Einzig der Gasbrenner wagt es, ab und an dazwischen zu fauchen. "Da oben bist einfach wer", bricht es plötzlich aus einem Passagier heraus. "Gigantisch", meint ein anderer. Eine Fragerunde beginnt.

Ja, das da hinten ist der Murner See. Ja, es stimmt, an Bord weht kein Lüftchen, weil der Ballon vom Wind getrieben wird und so immer das gleiche Tempo hat. Und was hat es dann mit diesem Lufthauch gerade auf sich? "Thermik", weiß Schorsch und ruft begeistert: "Links: eine Lenticularis!" Was den Piloten so entzückt, ist ein linsenförmiges Föhnwölkchen. "Mensch Leute, super Bedingungen haben wir heute."

Der 52-Jährige ist ein Flug-Profi. Seit 1988 geht er mit einem Ballon in die Luft. Auch Gleitschirmflüge bietet er in seinem Flugzentrum in Wörth an der Donau an. "Wir sind die letzten lizensierten Ballonfahrer in der Oberpfalz", betont er. Das ist Schorschs 2439. Fahrt.

Motorflieger kreuzt


Von links knattert ein Motorflieger herbei. "Stimmt es, dass ein Ballon null zu steuern ist?", fragt einer besorgt. "Sagen wir mal so", antwortet Schorsch, "eine Ausweichpflicht haben wir nicht." Beruhigt können die Passagiere trotzdem sein. "Sechs Jahre Lehrzeit braucht es, bis man so einen großen Ballon fahren kann. Die Ausbildungsrichtlinien orientieren sich an denen für Flugzeugpiloten. Alle sechs Monate bin ich beim Gesundheitscheck", erzählt der Pilot und bittet, sich für die Landung bereit zu machen. 55 Minuten und 220 Kilogramm Propangas später ist Endstation im Zollgrenzbezirk. Auf einem Stoppelfeld bei Katzelsried, Landkreis Cham, setzt der Korb auf, um sich kurz nochmal zu erheben. Der Wind zieht den Ballon einfach noch einige Meter weiter. Dann stoppt die Fahrt abrupt. Was aber nun beginnt, ist harte Arbeit.

Vom Doktor zum Grafen


Die Luft muss wie aus einer Luftmatratze raus aus dem Mega-Ballon, die schlaffe Hülle rein in den Aufbewahrungssack. Alle packen mit an, schwitzen - und prosten sich am Ende bei der obligatorischen Taufe der Ballonfahrer zu.

Zum Hintergrund: Da die Ballonfahrt im vorigen Jahrhundert nur Adeligen gestattet war, wird auch heute noch jeder Passagier nach seiner ersten Fahrt in den Adelsstand erhoben. Und was am Ende dabei rauskommt, veranschaulicht das Beispiel von Schulleiter Dr. Knut Thielsen: Schorsch erhebt ihn in den Adelsstand als "abenteuerlustigen Ballongraf Knut", der laut Urkunde "ein Heißluftverursacher in der Abenddämmerung" ist.

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Weitere Bilder im Internet:

www.onetz.de/bildergalerie

Ballonfahrt: Neustadt und Amberg-Sulzbach "nicht ganz so ideal""Einen Rückgang der Nachfrage nach Ballonfahrten konnten wir in den letzten Jahren nicht feststellen." Das erklärt Holger Hartmann von "Sky Adventure Ballonfahrten" mit Sitz in Lauf an der Pegnitz. Allerdings räumt er auch ein: "Die Regionen Neustadt an der Waldnaab und Amberg-Sulzbach sind zum Ballonfahren nicht ganz so ideal." Ist der Luftraum in diesen Bereichen durch die militärischen Stützpunkte in Grafenwöhr und südlich von Weiden in Hohenfels sowie im Osten durch die Grenze zu Tschechien für das Ballonfahren doch sehr beschränkt. Die Folge: "Die Windrichtung, beispielsweise bei einem Start in Weiden, muss immer perfekt passen." Droht etwa durch die Windrichtung der widerrechtliche Einflug in den militärischen Luftraum muss die Fahrt trotz Ballonwetter abgesagt werden. Diese Unsicherheit "will sich kein Luftfahrtunternehmen leisten". (mte)


Stimmt es, dass ein Ballon null zu steuern ist?Frage eines Passagiers


Sagen wir mal so, eine Ausweichpflicht haben wir nicht.Antwort von Pilot Schorsch
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