100 Helfer der evangelischen Gemeinde Neunkirchen fertigen Erntekrone an
Das Kreuz mit dem Roggen

Zur Punkfrisur dank Toilettenpapier: Nur so kann dem unattraktiven Herabhängen der Grannen vorgebeugt werden.

Vor der Leichenhalle tobt das Leben. Seit Wochen hantieren hier 100 Helfer der evangelischen Gemeinde Neunkirchen mit Gartenschere, Draht, Ährenbüschel, viel Geduld und vermehrtem Ziehen im Rücken. Das Ergebnis, eine Erntekrone so mächtig wie das Kirchenportal, beeindruckt. Nur was hat das Klopapier zu bedeuten?

Es ist so weit: Michael Kraus greift zum Toilettenpapier. Die anderen treten einen Schritt zurück. So kann der Kollege vom Freundeskreis der Evangelischen Landjugend Neunkirchen besser mit der Rolle zur Tat schreiten: Gefühlvoll umwickelt der Ingenieur mit dem Papier den mit Weizen umrankten Arm der Erntekrone. "Nur so können wir die Punkfrisur der Grannen erhalten", erklärt Kraus.

Grannen? Punkfrisur? Das ist nur ein kleiner Ausschnitt der ganz speziellen Erntekronen-Terminologie, die beim Binden am Freitagabend vor der Leichenhalle gepflegt wird. "Reich mir mal ein Büschel Triticale", fordert etwa Sabine Drechsler. Triti ... was? Und schon beginnt die Nachhilfe für alle Getreide-Banausen. "Das ist eine Kreuzung aus Weizen und Roggen, dient als Futtergetreide und wächst auch auf kargen Böden bestens", bemerkt Landwirt Hans Prölß, formt das nächste Ährenbüschel und reicht es weiter an Helga Gebhardt. Sie umwickelt damit genauso sorgsam wie Sabine Drechsler und Margit Wildbrett-Drechsler einen der acht mit Kreppband verkleideten Metallarme der Erntekrone. Hunderte, nein Tausende solcher Büschel braucht es. Aus Roggen, Hafer, Weizen, Gerste - und eben Triticale. Jede Obstkiste enthält eine andere Getreidesorte. Derart vorsortiert und auf die richtige Größe geschnitten werden sie auf dem Dachboden der Leichenhalle.

Alte Krone für St. Michael

Eine schmale Stiege führt hinauf. Die Kinder - zwischen 4 und 14 Jahre alt - nehmen sie mit einer Leichtigkeit unter ihre Füße, auf ihren Armen balancieren sie die Obstkisten. Unten brauchen sie Nachschub. Hafer fehlt. Oben stehen weitere fleißige Gemeindemitglieder. Die Dachschräge zwingt sie, sich mit ihren Gartenscheren noch ein wenig mehr über die Getreidehalme zu beugen, die sie stutzen. Seit Wochen treffen sie sich alle immer montags und freitags hier. Es gibt noch einiges zu tun: An fast jedem Balken baumelt getrocknetes Getreide. Seit der ersten Ernte Anfang Juli hängt es hier.

Die Vorbereitungen für die neue Erntekrone laufen schon weit länger. Zeigte sich doch bereits 2014, dass die Vorgänger-Krone sich nach 15 Jahren auflöst. Also beschloss der Evangelische Freundeskreis, seine dritte Krone anzufertigen. Die alte wurde abgeleert. Die erste, sie hatte nur vier statt acht Arme, schmückt übrigens immer noch zu Erntedank das Kirchenschiff. Allerdings nicht in Neunkirchen, sondern in St. Michael. Die einstige Urpfarrei im Westen der Stadt hatte sie vor 15 Jahren der Gemeinde in der Stadtmitte geschenkt.

Das Kreuz - es thront ganz oben auf der Krone - ist noch nackt. Roggen soll es umranken. Hafer braucht es noch für den unteren Ring. "Das machen wir das nächste Mal. Dann ist's geschafft", meint Kraus. Mit Hauruck hieven vier starke Männer die fast fertige Krone zurück in ihre eigens gebaute Holzkiste in der Gerätehalle. Anja Beutner schnappt sich den Besen. Der Boden ist übersät mit Korn und Halmen. Am Dachboden entsorgen die Kinder die Reste fleißig übers Fenster: Darunter liegt gleich der Friedhofscontainer.

An diesem Wochenende wird Erntedank gefeiert. Die Gläubigen in der evangelischen Dionysiuskirche werden das neben einer neuen Erntekrone tun. Dem Freundeskreis samt seiner vielen Helfer sei Dank.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.