Alice ist gestorben. Vor 15 Jahren. Aus Langeweile. Jetzt putzt sie nur noch. Doch die glänzendste Arbeitsfläche kann den Grauschleier nicht überstrahlen, der sich über ihre Ehe mit Henry gelegt hat. Aber es gibt ja glücklicherweise einen Ausweg.
Gefühlschaos einer eingefahrenen Ehe

DNT_1SR_24102015_VPZ_50-B_1215.jpg
 
Der abgehalfterte, raubeinige Detektiv befragt Alice über das, was ihrem Mann Henry zugestoßen ist.
Es ist eine ein- und abgeschliffene Beziehung, die Henry und Alice führen. Westentaschen-Macho Henry (Fritz Barth) schwadroniert in Endlosschleife und mosert den Fernseher an, während Alice (Heike Ternes) sich nach einem "richtigen" Leben sehnt. Sie könnten mal wieder Freunde einladen, aber halt, sie haben ja eigentlich keine. Kinder auch nicht. Die wollten sie ja nicht. Oder vielleicht doch, wenn man den Kult um Hausfisch "Orca" bedenkt, den die beiden veranstalten.

Wie passend: Etwas, das walfischartig mächtig sein sollte, ist in Wahrheit nur ein kleiner Clownfisch, der im Kreis schwimmt - was kann man da tun, wenn sich selbst im Urlaub nur die Kulisse, nicht aber das ewig gleiche, eingestaubt Stück ändert?

Das Publikum bei der Premiere in der Regionalbibliothek am Donnerstag würde in Trübsal versinken, wäre da nicht der zynische Humor, den nur eine lange Beziehung kreieren kann. Und den der britische Autor David Tristram bis hin zur kleinsten Alltagsspitze weitertreibt. Die filigran gespielte Klaviatur von Streit, Frustration, kleinsten Beleidigungen und Fatalismus ist köstlich. Tristrams Stoff parodiert oder überdreht dabei aber nicht, die treffenden Pointen liegen in den Nebensätzen oder auch dem Nicht-Gesagten. Selbst ein, wie Henry denkt, romantisches Geschenk, eine Spülmaschine, wird bis zur Farbnuance - Eierschale oder Elfenbeinweiß - quälend zerredet.

Gestatten Bond, Henry Bond

Und dann sind da natürlich die Träume, in die sich die überraschend leidenschaftlichen Ehepartner flüchten. Wie Henry, der als Football-Spieler oder James-Bond-Verschnitt Cheerleader und Agentinnen schmachten lässt oder Alice, die französische Kellner-Gigolos oder Staubsaugervertreter verführt. Die wandlungsfähigen Ternes und Barth liefern dabei eine tragikomische Glanzleistung ab. Der Wechsel von den spießbürgerlich phantasierten, klischeehaften Traumfiguren, die sie charakterlich an Prominente anlehnen, zurück zu den drögen Normalo-Paar geschieht reibungslos.

Ein herrlicher, urkomischer Spaß. Die Lacher im Publikum sprechen Bände. Paare, bei denen das erste - und zweite - Kribbeln vorbei ist, lachen an Stellen, die ihnen wohlbekannt vorkommen, zuweilen hört man ein gemurmeltes "Siehst du".

Regisseurin Birgit Bagdahn, die mit "Die geheimen Leben von Henry und Alice" bereits zum dritten Mal ein Stück im Herbstprogramm des Landestheater Oberpfalz (LTO) inszeniert, zeigt in einer fesselnden Bearbeitung, dass sie den Stoff verinnerlicht hat. Mit minimalistischen Stilmitteln gelingt es ihr perfekt, gleichzeitig mehrere Empfindungen zu wecken. Nur kleine Accessoires und das Bühnenlicht, das mit drei Farben die Realität sowie die jeweiligen Träume und die in ihr eigenes Licht hüllt, geben den Zuschauern Orientierung.

Wechselbad für Zuschauer

Jedoch nicht auf Dauer. Tristram ist ein wahrer Meister des Tempos und Bagdahn spielt elegant damit. Nach dem lähmend-bleiernen Beginn und das Eintauchen in die seltsamen-liebenswerten Rollenspiel-Fantasien hat der Zuschauer gerade erst seinen Rhythmus gefunden. Bagdahn jedoch lässt ihm die Wohlfühlzone bewusst nicht: Das Eintreten aus den Traumsequenzen in die Realität wird zunehmend abrupter, die drei Ebenen wechseln rapide. Fantasien und Realität verschwimmen, selbst die Grenzen der Träume brechen auf.

Bis zum überraschenden Ende bleibt die stringente Inszenierung emotional und spannend. Die Zuschauer gehen mit einem Lächeln aus der Regionalbibliothek, das wiederkehren wird - immer wenn die Männer das Fernsehprogramm kommentieren oder die Frauen mal "was anderes unternehmen wollen".
Weitere Beiträge zu den Themen: Lea (13790)Oktober 2015 (8435)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.