"Als ginge eine Epoche zu Ende"

Sein literarisches Werk, das durch seine Freundschaft zu Walter Höllerer auch in der Oberpfalz ein zu Hause gefunden hat, gilt längst als große Weltliteratur.

Obwohl Günter Grass bereits 87 Jahre alt und schwer krank war, kam die Meldung seines Todes für viele Kulturschaffende mit regionalem Bezug völlig überraschend. Im Gespräch mit der Kulturredaktion erinnern sich Wegbegleiter Grass' an dessen Einfluss und Wirkung in Gegenwart und Zukunft.

2003 gastierte Günter Grass zum letzten Mal in der Oberpfalz. Anlässlich des Todes seines Freundes Walter Höllerer, Gründer des Literaturarchivs, las er vor über 1000 Zuhörern in der Maxhütte.

Michael Peter Hehl, Wissenschaftlicher Leiter des Literaturarchivs: "Günter Grass' Tod kommt trotz seiner 87 Jahre sehr plötzlich. Ich stehe etwas unter Schock. Er hat mit seinem Roman "Die Blechtrommel" der deutschsprachigen Literatur nach 1945 entscheidende Impulse gegeben und zählt seit mehr als 50 Jahren international zu den bedeutendsten engagierten Intellektuellen. Sein literarisches Werk, das durch seine Freundschaft zu Walter Höllerer auch in der Oberpfalz ein zu Hause gefunden hat, gilt längst als große Weltliteratur. Das Literaturarchiv betrauert einen großen Verlust. Da ich erst seit 2007 beim Literaturarchiv beschäftigt bin, hatte ich leider keinen persönlichen Draht zu Grass. Allerdings unterhalten wir einen steten Austausch mit dem Günter-Grass-Haus in Lübeck, unserer Partner-Institution."

Patricia Preuß, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg: "Günter Grass hatte ein stolzes Alter erreicht, trotzdem kommt sein Tod überraschend. Ich hatte die große Ehre, ihn bei seinem Besuch 2003 persönlich kennenzulernen. Bei seiner Lesung zu Ehren Walter Höllerers gab sich Grass sehr nahbar. Er trat ohne große Allüren auf und las sehr präsent. Grass war damals etwas kränklich, meisterte seinen Auftritt jedoch sehr professionell. Er stellte seine Freundschaft zu Walter Höllerer in den Mittelpunkt, nicht etwa sich selbst."

Der gebürtige Sulzbach-Rosenberger Thomas Geiger arbeitet beim Literarischen Colloquium in Berlin (Gründer Walter Höllerer) im literarischen Programmbereich und betreut die Zeitschrift "Sprache im technischen Zeitalter": "Ich wusste über Grass' Krankheit Bescheid. Ich habe das Gefühl, als ginge die Epoche der Nachkriegsliteratur zu Ende. Siegfried Lenz und Christa Wolf sind bereits vor Grass gestorben. Eigentlich ist nur noch Martin Walser übrig. Das kommt einem Einschnitt der Gesellschaft gleich.

Heute ist ein Tag der Einkehr und des Innehaltens. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kommentierten Grass und seine Kollegen dauernd. Das hat auch genervt. Es dauerte deshalb lange, bis auch einmal Jüngere zu Wort kamen. Während Grass in der Öffentlichkeit gerne und gezielt austeilte, war er privat gewinnbringend, sehr treffend und ein aufmerksamer Zuhörer. Ich habe ihn 1977 bei der Eröffnung des Literaturarchivs in Sulzbach-Rosenberg erstmals persönlich wahrgenommen. Zudem trafen wir uns alle zwei Jahre bei der Verleihung des Alfred-Döblin-Preises. Diese Auszeichnung unseres Hauses initiierte Grass maßgeblich mit. Trotz ausdrücklichem Rauchverbot schuf sich Grass stets eine Raucherecke, wo er mit der Pfeife im Mund stets Ad-hoc-Kritiken zu eben Gehörtem oder Gelesenem zum Besten gab."

Schriftsteller Bernhard Setzwein aus Waldmünchen: "Ich bin gerade auf einem Literatur-Workshop in Linz und habe via Internet vom Tod erfahren. Für mich waren die Werke Günter Grass' vor allem in den Anfangsjahren meiner Tätigkeit maßgebend. Diesen merklichen Einfluss lasteten mir meine Kritiker anfangs zu Recht an. Seine Art des Erzählens imponierte mir nachhaltig. Ich lernte Grass in Berlin beim Literarischen Colloquium persönlich kennen, aber Zeit für ein längeres Gespräch blieb nicht. Ich verstehe aber auch seine Kritiker, die ihm mit zunehmenden Alter als Gewissen der Nation bezeichneten oder politische Proklamationen vorwarfen. Für mich sind seine frühen Werke wie "Die Blechtrommel", "Katz und Maus" oder "Hundejahre" ausschlaggebend und eine Erinnerung an den eigenen Werdegang."

Christian Müller, 2009 Gast bei den Weidener Literaturtagen und Inhaber des Kunsthauses Müller in Wurzbach, war zuständig für den Druck von Grass' Zeichnungen, Lithographien, Aquarellen und Radierungen: "Ich habe soeben länger mit Hilke Ohsoling, Sekretärin im Günter-Grass-Haus in Lübeck, telefoniert und stehe unter Schock. Wir pflegten einen menschlich guten Kontakt, der sich bei zahlreichen Treffen und Druck-Besprechungen verfestigte. Im Frühjahr sollte ich Günter Grass in Lübeck besuchen. Wir hatten schon alles geplant und die Vorfreude war groß. Daraus wird jetzt leider nichts mehr. Vor drei Jahren verfolgten wir bei mir die Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine. Und erst an Weihnachten 2014 druckten wir seine neueste Lithographie. Ich hatte mit Grass einen guten, fairen und sachlichen Kontakt voll gegenseitiger Achtung. Das kommt in diesem Geschäft relativ selten vor."
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