Anekdoten aus dem "päpstlichen Nähkästchen"

Vatikan-Insider Andreas Englisch plauderte am Montagabend in Weiden vor etwa 450 Zuhörern über den Vatikan, die Päpste - und ein bisschen auch über sich. Bild: Stiegler

Er versprüht einen Hauch von Allwissenheit - über den Vatikan, über den Papst, über dessen direkten Vorgänger. Und natürlich über Johannes Paul II., den er glühend verehrt. Autor und Journalist Andreas Englisch, dessen neues Franziskus-Buch "Der Kämpfer im Vatikan" die Bestseller-Listen anführt, spricht im Evangelischen Vereinshaus in Weiden.

Liegt es am Thema? Oder doch am fernsehbekannten Referenten? Egal, warum die Masse an Besuchern da ist - sie ist es jedenfalls. Und sie werden knapp 90 Minuten lang äußerst gut unterhalten. Andreas Englisch hat zweifellos Entertainer-Qualitäten, mit denen er einen ganzen Saal in seinen Bann ziehen kann. Das Rednerpult auf der Bühne braucht er nicht, genauso wenig ein Buch, aus dem er vorliest, oder ein Manuskript, von dem er abliest. Er plaudert und erzählt aus dem Vatikan, über die herrschaftlichen Strukturen, über die drei Päpste Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus - und natürlich schon auch ein bisschen über sich selbst.

Mit der Kirche, der Religion und dem Vatikan habe er damals - in den 80er Jahren - nichts am Hut gehabt. Nach Italien sei er gegangen, um die italienische Sprache zu lernen. Ausschlaggebend für die Job-Zusage im Vatikan sei gewesen, dass er in früheren Zeiten einmal Messdiener war, bekennt er. Die Zeiten haben sich geändert: Heute gilt Englisch als Vatikan-Insider, der viel zu erzählen weiß und es auch versteht, sich dabei gut in Szene zu setzen. Die Wahl des Argentiniers Jorge Mario Bergoglio zum Papst sei einer Revolution gleichgekommen, betont Englisch. Bergoglio sei im Vatikan alles andere als beliebt gewesen.

Der "rebellischste Bischof"

"Er war der rebellischste Bischof von allen", betont Englisch - und liefert gleich noch eine Geschichte hinterher, die dies belegt: Der Konflikt zwischen dem Vatikan und dem Kardinal von Buenos Aires sei so heftig gewesen, dass der Nuntius, also der Botschafter des Vatikans in Argentinien, sich weigerte, Bergoglio die Hand zu geben, und sich dann auch Bergoglio weigerte, dem Nuntius die Hand zu geben. "Das ging so weit, dass der eine das Zimmer verlassen hat, wenn der andere hereinkam", erzählt Englisch. Dass er trotzdem zum Papst gewählt wurde, kann der Referent leicht erklären: Denn es gebe 90 Wahlkardinäle, die nur nach Rom kommen, wenn der Papst gewählt wird. Und es gebe die 30 Kurienkardinäle, die die Kirche regieren.

"Und die Wahlkardinäle haben gesagt, es ist in Rom so viel Mist passiert, dass wir eine radikale Lösung brauchen", stellt Englisch fest. Viele Freunde habe Franziskus seitdem im Vatikan nicht hinzubekommen, schon allein Bergoglios Bescheidenheit habe für Irritationen gesorgt: Keine Luxuskarosse, Wohnen im Haus der Heiligen Martha und Mittagessen in der dortigen Kantine sind nur einige Aspekte. "Er will auch keine Kammerdiener, Sekretäre und Redenschreiber. Sein Manuskript trägt er in einer Aktentasche mit sich", betont Englisch. Spätestens am Osterfest 2013 sei deutlich geworden, dass im Vatikan eine neue Zeit anbricht. Er sollte festlich eingekleidet werden in die prunkvollen Gewänder und Accessoires, lehnte aber ab mit dem bestens bekannten Spruch "Ich bin der Papst und nicht der Nikolaus" - und schlüpfte stattdessen in sein altes Priestergewand.

Englisch reißt kurz die Amtszeit Ratzingers an ("Benedikt war der falsche Mann am falschen Ort") sowie dessen Entmachtung durch die Kurie. Immer wieder kommt er auf Johannes Paul II. zu sprechen, den er glühend verehrt und daraus keinen Hehl macht. Die Zuhörer in Weiden erfahren, dass sich Englisch im ersten Gespräch mit dem damaligen Papst über Fußball unterhält und dabei erfährt, dass Karol Wojtyla als Kind bei einem Spiel einen umgestürzten Torpfosten ersetzen musste - und seither dieses Spiel hasst.

Größter Schatz

Es sind immer wieder die Geschichten aus dem "päpstlichen Nähkästchen", mit denen Englisch die Lacher auf seiner Seite hat - auch die selbst erlebte Copacabana-Anekdote gehört dazu. Vieles von dem, was der Autor an diesem Abend zum Besten gibt, ist natürlich nicht gänzlich unbekannt - aber richtig tiefschürfende neue Erkenntnisse erwartet an Abenden wie diesen wohl auch keiner. Wenn Englisch ganz zum Schluss davon erzählt, dass in seinem Wohnzimmer ein gemaltes Bild seines Sohnes Leonardo hängt, das Johannes Paul II. noch kurz vor seinem Tod signiert hat, dann glaubt man ihm auch, dass dies sein "größter Schatz" ist und er sich dort am wohlsten fühlt.
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