Ansonsten vergibt Kommissar ganz gute Noten für Crystal-"Tatort" - Bei Justiz Tagesgeschäft: 10 ...
"Nicht jeder Konsument hat Zahnlücken"

"Crystal?" Kommissar Borowski schaut ratlos auf das Tütchen. Die Kollegin klärt ihn auf: Sie habe mit den Kollegen in Zwickau und Hof telefoniert. Den letzten Heroin-Toten hatte man dort vor Jahren. Dafür überschwemme Crystal den Markt. Für diese Auskunft hätte Regisseur Christian Schwochow seine Film-Kommissare auch in Weiden anrufen lassen können. Bild: NDR
(ca) Der "Tatort" vom Sonntag "Der Himmel über Kiel" fuhr eine Spitzenquote ein. 10,67 Millionen Menschen sahen, wie Kommissar Borowski im Crystal-Milieu nach einem Mörder sucht. In aller Deutlichkeit wurden die krassen Folgen der Synthetik-Droge dargestellt. Erst der Exzess, dann der Absturz.

Landgerichtssprecher Markus Fillinger hat den "Tatort" nicht gesehen. Aber er braucht nur in einen der Gerichtssäle zu gehen, um Crystal-Fälle in Endlosschleife zu verfolgen. Diese und letzte Woche laufen in Weiden zehn Prozesse wegen Crystal, im Schnitt also täglich. Vor dem Jugendrichter, Strafrichter, dem Schöffengericht, der Strafkammer... Laut Fillinger reißen die Aufgriffe durch die Polizei nicht ab: "Wir erwarten demnächst etliche größere Verfahren."

Das "Drehbuch" ähnelt sich: Die Angeklagten kaufen in Tschechien ein und bringen die Droge über Waldsassen oder Waidhaus ins Land. Oft sind es Franken, die den fränkischen Raum versorgen. Oder eben Hiesige: Am Dienstag stehen zwei Weidener vor Gericht, die das "Zeug" in Weiden vertickten. Am Donnerstag ist ein 38-Jähriger aus dem Landkreis Tirschenreuth an der Reihe. In seiner Wohnung fand die Polizei 50 Gramm.

Erster Kriminalhauptkommissar Alfred Thaller vom Drogendezernat der Weidener Kripo hat den "Tatort" gesehen. Manches fand er "ein bissl überzogen": Nicht jeder Abhängige habe Zahnlücken. "Wir erleben schon häufig extremen Gewichtsverlust und starke Pickel. Aber ich wage zu behaupten, dass man einem Großteil das gar nicht ansieht." Für Thaller hat der "Tatort" das starke Suchtverlangen eindrucksvoll dargestellt. Auch das bestätigt sich in seinem Alltag: "Selbst wenn Leute eine Therapie abgeschlossen haben, sind sie nie auf dem sicheren Sektor. Die Gefahr ist verdammt groß, in einer Lebenskrise darauf zurückzugreifen."

Realistisch zeigte der "Tatort" die gesteigerte Aggression. Immer wieder stehen Gewalttäter unter dem Eindruck von Crystal. Der Weidener (27), der im "Rio" einen Polizisten attackierte, hatte Crystal geschnupft. Dauerkonsument war auch der 29-Jährige, der 2014 wegen Freiheitsberaubung seiner Freundin verurteilt wurde. Dazu kommt Beschaffungskriminalität, etwa bei den Autoknackern beim Klinikum, die Geld für das nächste Gramm brauchten. Oder der jüngst verurteilte Einbrecher in Leuchtenberg, der so viel Crystal im Blut hatte, dass die Messskalen versagten. Der Zenit ist nach Einschätzung von Kriminaler Thaller überschritten: "Absolute Hochphase war 2012." Besorgniserregend sei die Verbreitung von Crystal nach wie vor.
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