Anstoß für die Ausstellung "Verehrt, verfolgt, vergessen"
FC Bayern, der "Judenclub"

Ein St.-Pauli-Fan im Mittelpunkt bei der Eröffnung der FC-Bayern-Ausstellung: Jörg Skriebeleit (rechts) begeisterte die Zuhörer mit seinem Vortrag im Kulturzentrum Hans Bauer. Bilder: Schönberger (2)
Kultur
Weiden in der Oberpfalz
20.04.2017
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Die Besucher können sich noch bis 30. April über die vergessenen FCB-Mitglieder informieren, die während des Nazi-Regimes fliehen mussten oder ermordet wurden.

Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, ist St.-Pauli-Fan. Natürlich. War aber nicht immer so, wie er bei der Eröffnung der Wanderausstellung des FC Bayern "Verehrt, verfolgt, vergessen" verrät. Früher feuerte er die Münchener an. Das habe ihn aber bald angewidert.

"Ich stand regelmäßig in der Südkurve im Olympiastadion", sagt Skriebeleit. Die Zeit der Kuttenträger, in der das rechtsradikale Image bewusst gepflegt worden sei. "Das wurde mir zuwider. Ich hatte keine Lust mehr auf solche Leute." Skriebeleit legte seine Kutte ab. Er ist überzeugt: "Kurt Landauer kannte damals keiner in der Kurve. Und kein Spieler auf den Platz."

Dabei würde es den FC Bayern in der heutigen Form ohne Kurt Landauer gar nicht geben. Andreas Wittner, Archivar des FCB, erzählt: "1955 war der Verein bankrott. Landauer hat eine Finanzkommission gegründet, 30 000 Mark gesammelt und so den FC Bayern gerettet." 5000 Mark habe er aus der eigenen Tasche bezahlt. 1961 starb er. Dann kam der große sportliche Erfolg in der Beckenbauer-Müller-Ära. Landauer geriet in Vergessenheit. Genau wie die vielen anderen Vereinsmitglieder, die in der NS-Zeit aus rassistischen, religiösen oder politischen Gründen fliehen mussten oder ermordet wurden.

Mit der Ausstellung möchte der FC Bayern die Gesichter und Geschichten dieser Menschen ins Gedächtnis zurückholen, sagt Wittner. Die junge Fan-Generation, vor allem die Ultras der "Schickeria", hätten sich für eine neue Erinnerungskultur stark gemacht. Mit Plakaten, Bildern, einer Weltkarte und Biografien erinnert der Verein nun an 56 Mitglieder. "Der aktuelle Stand unserer Forschung liegt aber bei 81 Opfer, 31 wurden ermordet." Einer, der überlebte, war Kurt Landauer. Der führte den FCB mit Unterbrechungen 18 Jahre lang als Präsident. "Er prägte eine weltoffene, kosmopolitische Atmosphäre", sagt Skriebeleit.

"Beispielhaftes Programm"


Eröffnet hat die Ausstellung, die bis 30. April im Kulturzentrum Hans Bauer zu sehen ist, Alexander Wenzel. Der Chef des FC-Bayern-Fanclubs "D'Weidna" erklärt: "Mit der Ausstellung möchten wir einen kleinen Teil beitragen, damit solche Dinge nicht mehr passieren." Brigitta Schultz von "Weiden ist bunt" sieht einen Bezug zur heutigen Zeit: "Auch heute gibt es Leute, die Schutz und Zuflucht suchen. Deswegen ist der Blick zurück aktueller und wichtiger denn je." Musikalisch umrahmt wurde die Eröffnung von Geigerin Johanna Luther und Gitarristin Melanie Häckel. Die Ausstellung und das Rahmenprogramm haben der Weidener Fanclub, der Stadtjugendring, die jüdische Gemeinde, die Gesellschaft für christliche Zusammenarbeit und das Aktionsbündnis "Weiden ist bunt" organisiert. Das Programm hat auch beim FC Bayern selbst Eindruck hinterlassen: "Beispielhaft, ich würde am liebsten 14 Tage Urlaub machen und hier bleiben", sagt FCB-Archivar Wittner. In den nächsten Tagen findet unter anderem eine Stadtführung durchs jüdische Weiden statt, Zeitzeugen sprechen, Klaus Augenthaler diskutiert.

Auch Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge kam zu Wort. Wenzel las dessen Grußwort vor. Wittner ergänzt: "Rummenigge interessiert sich sehr für das Thema." Das sei kein PR-Gag. "Die Ausstellung ist sein Baby. Das hat Uli Hoeneß einmal gesagt." Höhepunkt des Auftaktabends war der durchaus persönliche Vortrag von Jörg Skriebeleit. Der FC Bayern galt wegen seiner internationalen Orientierung immer als "Judenclub", berichtet der Leiter der Gedenkstätte Flossenbürg. Auch dann, als sich der Verein am 30. September 1935 als "judenrein" erklärte.

Nach dem Ende des Krieges kehrte Kurt Landauer zurück. Von 1947 bis 1951 war er noch einmal Vereinspräsident. "Der FC Bayern war damals einer der wenigen Vereine, der seine eigenen Mitglieder in der Chronik als Opfer von Rassismus benannt hat." Trotzdem geriet die jüdische Clubgeschichte in Vergessenheit. Das Rechtsradikale sei in die Fankurve gekommen, Skriebeleit wandte sich ab. Bei einem Zweitligaspiel in Bayreuth fand er einen neuen Verein. "Da hatte ich das Gefühl, unter meinesgleichen zu stehen", sagt er. Er öffnet sein Sakko. Und zeigt stolz ein Retro-Trikot des FC St. Pauli.
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