Ausstellung "Zeitspuren - Reisen in die Vergangenheit" im Kunstverein Weiden
Blick durchs Schlüsselloch

Susanne Hanus und Tatjana Utz (von links) haben sich unabhängig voneinander auf eine Exkursion in die Vergangenheit gemacht. Die Ergebnisse dieser Reise sind nun im Kunstverein zu sehen. Bild: otj

Es ist eine sehr persönliche und bewegende Ausstellung, die es im Kunstverein in der Ledererstraße zu sehen gibt. Unter dem Titel "Zeitspuren - Reisen in die Vergangenheit" präsentieren die Künstlerinnen Susanne Hanus und Tatjana Utz ein begehbares Geschichtsbuch. Prädikat: Unbedingt sehenswert.

Empfangen wird der Besucher von einem Regal, pickepacke voll mit Kleidungsstücken, Kosmetik, Kleinkram. Relikte längst vergangener Tage - noch immer original verpackt. Eine Installation, die Fragen aufwirft, die aber im Gesamtkontext des Ausstellungskonzeptes bald beantwortet werden. Kunst, nicht zum Selbstzweck, sondern als Forschungsmethode. Ein paar Schritte weiter: aus der Mode gekommene Ziertapete, versehen mit Texten, die Protagonisten der jüngeren Historie erzählen lassen - keine Politiker oder Generäle, keine Künstler oder Journalisten. Dafür Menschen, die auf die ein oder andere Weise Hanus und Utz nahestehen.

Menschen mit Geschichten


Und so berühren die Geschichte und die Geschichten auch den zunächst distanzierten Betrachter. Zu Wort kommen nicht nur die Großmütter der Künstlerinnen, die eine aus der Ukraine, die andere aus Hessen, sondern über ganz Europa verteilte noch lebende Verwandte, Bekannte, Freunde und Nachbarn deutscher, polnischer, rumänischer und ukrainischer Herkunft.

Hanus und Utz haben die Menschen unabhängig voneinender besucht und sie gebeten, ihre Geschichte zu erzählen - unverfälscht, nicht vordergründig politisch oder mit Anspruch auf historische Bedeutung. Alltag, bei aller Grausamkeit der tobenden Kriegshandlungen, der schweren Schuld, die Deutschland auf sich lud und der daraus resultierenden Vertreibung und Flucht. Die Ausstellung zeigt ohne dabei fatalistisch oder relativierend zu werden: Es mag kein richtiges Leben im falschen geben - einen Alltag gab es immer.

Die Künstlerinnen lassen die Zeitzeugen sprechen und stellen in Kombination mit den Bildern eine Atmosphäre des Privaten her, einige freigestellte Bilder, zeigen nur Ausschnitte einer Szene - die Perspektive des verstohlenen Blicks durch das Schlüsselloch. Dazu szenische Skizzen, freigestellte überlebensgroße Portraits und Figuren, Gemälde und alte Fotografien. Bilder und Texte als Dokumente für die Erweiterung des eigenen historischen Archivs.

Über subjektive und persönliche Perspektiven sind die Betrachter in der Lage, das Geschichtsbild einem Realitätscheck zu unterwerfen und emotional den Zugang zu einer Zeit zu finden, die sonst via Frontalunterricht in Geschichtsbüchern recht zweidimensional vorerzählt wird.

Historische Tapeten


Susanne Hanus machte sich im Jahr 2008 mit dem Vater und ihrer Großmutter auf, um deren Geburtsstadt Czernowitz in der heutigen Ukraine zu besuchen. Dabei entstanden Zeichnungen und Fotos. Erlebnisse wurden in einem Tagebuch festgehalten. Tatjana Utz führte Interviews mit Menschen in Polen und Deutschland, für die der Zweite Weltkrieg lebensprägend war. Die Worte der Interviewten druckte sie auf Tapeten, die sie mit Umrissbildern illustrierte.

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Öffnungszeiten: Die Ausstellung ist bis 11. September in den Räumen des Kunstvereins Weiden in der Lederergasse 6 zu besuchen. Geöffnet ist jeden Sonntag von 14 bis 18 Uhr, nach telefonischer Vereinbarung (Telefonnummer: 0961/46308) und nach Absprache im Café Linda. Der Eintritt ist frei.
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