Berlin ist wie eine alte, bequeme Jacke

Die in Berlin lebende Singer/Songwriterin Alexia Peniguel alias "A Seated Craft" eröffnet am 29. September die 4. Saison der Kleinkunstbühne "Klein & Kunst" in der Weidener Max-Reger-Halle. Bild: A Seated Craft
Kultur
Weiden in der Oberpfalz
16.09.2016
102
0

Hinter "A Seated Craft" versteckt sich keine Band. Vielmehr ist es der Künstlername der aus Australien stammenden Alexia Peniguel. Gezupfte Akustikgitarre, klare Stimme, zärtliche Melodien und lyrische Texte - will man unbedingt eine Schublade aufmachen, dann wohl am ehesten die, auf der Indie-Folk steht.

Weiden. Gerecht wird man Alexia Peniguel damit nicht, wovon man sich am Donnerstag, 29. September (20 Uhr) in der Weidener Max-Reger-Halle überzeugen sollte. Sie eröffnet damit die "Klein & Kunst"-Saison 2016/2017. Die Kulturredaktion hat sich mit der Musikerin unterhalten.

Australien ist für viele Deutsche ein Sehnsuchtsort, an dem man ein neues besseres Leben beginnen kann. Sie haben den umgekehrten Weg genommen. Warum?

Alexia Peniguel: Das fragt mich jeder. Es gibt da wahrscheinlich viele Antworten. Aber es ist so: Wenn man im Paradies wohnt, sieht man das nicht. Man muss weit weg, damit man das wirklich schätzen kann.

Die viel interessantere Frage ist aber: Was hat Sie schlussendlich bewogen, zu bleiben?



Eigentlich sollte Berlin nur ein kurzer Stopp sein, auf dem Weg nach Frankreich. Es war das Leben in Berlin. Es ist eigenartig, es gibt keine andere Stadt wie Berlin. Ich fühle mich hier total wohl. Es ist wie so eine alte Jacke, die man anzieht. Man hätte gar nicht gedacht, dass sie so bequem ist. Und dann denkt man sich: Na guck mal.

Ich habe beim durchhören Ihrer zwei Alben festgestellt, dass ihre Lieder oft Orte im Namen haben - ich habe mal notiert: Sydney, Rom, Sardinien und Grünheide. Beeinflussen Orte Ihr Songwriting?

Lieder sind eine Art, wie ich meine Umgebung besser verstehen kann. Wenn ich in Rom ein Lied schreibe, dann sehe ich die Stadt anders. Man hat eine stärkere Verbindung, wenn man darüber schreibt.

In Ihrem Heimatland haben Sie Jazz und Gesang studiert. Hat diese strukturierte theoretische Herangehensweise eine Auswirkung auf Ihre Arbeit heute, die sehr emotional und persönlich ankommt?

Ich hatte da Glück, denn ich war auf einer Schule, wo Improvisation der Schwerpunkt war. Das war nicht so mathematisch, wie es vielleicht in Deutschland studiert wird, sondern sehr gefühlvoll. Meine Mitstudenten und ich konnten unsere Talente in einer sehr harmonischen Atmosphäre entwickeln. Das war wichtig für mich. Ich schreibe keine echten Jazz-Lieder. Aber es hat auch beeinflusst, dass meine Musik so lebendig ist.

Ihre Texte sind nicht immer auf der ersten Deutungsebene zu verstehen. Wie entsteht Ihre Lyrik?

Ich weiß, dass das zum Teil sehr abstrakt ist. Auch für Menschen, die gut Englisch sprechen. Aber die Worte sind auch für den Rhythmus der Lieder wichtig, also nicht nur die Bedeutung, sondern auch wie sie klingen, wenn man sie singt.

Ihr Künstlername deutet auf gutes Handwerk hin, eine Manufaktur der Töne. Dieser Anspruch - ist das noch ein Mitbringsel von der Musikhochschule?

In Australien habe ich ja auch schon Musik gemacht, aber nie so richtig daran gearbeitet. Und dann habe ich mit deutschen Musikern gespielt und auch meine Songs hergezeigt. Und die sagten, die Lieder sind wie Säuglinge, noch nicht stark genug. Ich war erstmal total beleidigt, aber dann kam die Idee Handwerk, dass man an einem Lied richtig arbeiten muss.

In Weiden werden Sie Solo auftreten, getragen von Ihrer Akustikgitarre. Ist das Ihr Ding oder gibt es "A Seated Craft" auch als Band?

Ich stehe viel mit anderen Musikern auf der Bühne. Es gibt auch eine Sängerin, die mit mir singt. Manchmal mit Schlagzeug, manchmal mit Kontrabass. Und für den Release von "Of Birds" hat ein Freund auf Weingläsern gespielt. Eigentlich ist es mir lieber als alleine auf der Bühne zu stehen. Ich teile gerne die Musik.

Zum Beispiel bei "Sardinia" habe ich mir gedacht, dass könnte man mit einer Indie-Rock-Band ziemlich fett auf die Bühne bringen.

Den Song habe ich noch nie alleine gespielt. Das ist nicht möglich. Dafür braucht man unbedingt eine Band.

Eine Frage, die man leider stellen muss: Deutschland ist nicht gut zu seinen Künstlern. Können Sie von Ihrer Musik leben?

Nein, noch ist das nicht möglich. Ich muss schon nebenher etwas anderes arbeiten. Das ist so ein finanzieller Balance-Akt.

Ihre beiden Alben "The Savage And The Small" und "Of Birds" sind sehr professionell produziert und es gab Interviews im Fernsehen. Sind da schon Labels an Sie herangetreten?

Bisher nicht. Die erste Platte wurde von einer kleinen Firma in Bremen aufgenommen. Aber ich schreibe gerade an einer dritten Platte. Mal sehen, was wir damit machen.

Sie sprechen mittlerweile perfekt unsere Sprache. Einen Titel auf CD gibt es ja schon - "Und wie" hat dann aber doch einen englischen Text. Könnten Sie sich vorstellen auch auf Deutsch zu singen?

Ja. Ich singe auch immer einen deutschen Song. Ich mag das, mindestens ein Lied dabei zu haben. Für die neue Platte will ich auch einen deutschen Text schreiben - aber mit Hilfe von ein paar Freunden. Das wäre schlimm, wenn ich das alleine machen würde, auch wenn ich die Sprache gut kann.




Ihre Musik wirkt sehr persönlich, einige Songs fast zerbrechlich. Erleben Sie Kritik als verletzend?

Klar könnte ich verletzt werden, aber eigentlich ist es so, wenn die Lieder erst einmal draußen sind, gehören sie denen, die sie hören. Als Musikerin weiß man, dass man nicht für jeden schreiben kann. Es wird nur ein paar geben, die es lieben, aber das ist auch in Ordnung so.




Karten beim NT/AZ/SRZ-Ticketservice unter Telefon 0961/85-550, 09621/306-230 oder 09661/8729-0 und www.nt-ticket.de

___



Weitere Informationen:

www.kulturbuehne-weiden.de
Weitere Beiträge zu den Themen: Kultur (48)Konzerte (447)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.