Bernd Glemser bei den Weidener Meisterkonzerten
Kühler Kopf und heißes Herz

Mit seiner Virtuosität und seinen tiefgründigen Interpretationen bereicherte Bernd Glemser die Weidener Meisterkonzerte. Bild: Kunz

Der Förderkreis für Kammermusik hatte den Würzburger Klavierprofessor Bernd Glemser (53) eingeladen. Um mit Max Reger zu sprechen: Er führte drei pianistische "Elefanten" auf die Bühne. Fürchtet euch nicht, sie erregten Bewunderung und Faszination.

Viele Wettbewerbe


Der Pianist hat seine Karriere auch auf zahlreiche Wettbewerbe gegründet: Einen Durchbruch schaffte er 1984 mit dem dritten Preis im Busoni-Wettbewerb und 1987 mit dem zweiten Preis beim ARD-Musikwettbewerb. "Gewinn aller wichtigen Preise" meint das Programmblatt, da sollte man schon genauer recherchieren. 2016 präsentiert sich Glemser als technisch außerordentlich souveräner und hochmusikalischer Pianist. Attacca geht er an die sechs Klavierstücke op. 118 von Brahms, deren sehr unterschiedliche, atmosphärisch geladene Stimmungsbilder er immer dichter und suggestiver gestaltet. Mit besonders klarem Puls musiziert er den ostinaten Bass im D-Dur-Mittelteil von Nr. 5, ungeachtet der darübergelegten komplexen Rhythmen. Atemberaubend, von düstersten Gedanken durchzogen gestaltet er das Intermezzo Nr. 6, dessen Themenkopf die liturgische Sequenz "Dies irae" aus der Totenmesse zitiert.

Auch Schuberts "Wanderer-Fantasie" C-Dur op. 15 D 760 interpretiert Glemser faszinierend: Die Übergänge der vier Teile haben genau die richtige Spannung. Dynamische Entwicklungen sind ohne Durchhänger messerscharf genau kalkuliert. Katastrophen-Ereignisse dringen unter die Haut, treffen den Punkt, erschüttern. Das cis-Moll-Adagio wird zu einem Fest der Anschlagskunst.

Hier werden allerdings auch die Grenzen eines modernen Flügels hörbar: Die Pianissimo-64stel-Passagen der linken Hand kann ein Steinway halt nur filzig-wattig, wo ein Conrad-Graf-Flügel aus Schuberts Zeit noch klar verständlich perlen würde. Das wie ein Fugato in Oktaven beginnende Schlussallegro meißelt Bernd Glemser glasklar heraus, ohne schützenden Trockeneisnebel, mit kluger Klangregie und dramatischer Energie - keine Spur von dem oft zu hörenden dummen Gedonnere. Das ist große Klavierkunst.

Wie mit der Goldwaage


Diese ist ganz besonders bei Chopins Sonate Nr. 3 in h-Moll gefordert. Auch hier behält Glemser immer die Kontrolle, modelliert die Stimmen heraus, im Scherzo perlen die rasenden Achteln perfekt. Die dezidiert angeschlagenen Haltetöne hingegen überdecken fast die köstlich verhaltenen Mittelstimmen. Bei dem jeder Erdenschwere enthobenen Largo scheint jede Klangfacette wie mit der Goldwaage taxiert. Emotionen dürfen aufwallen: Max Reger hätte den "seelisch bewegten Vortrag" geschätzt.

Nach dem furiosen Finale darf die Glut der Begeisterung auflodern. Als Zugaben eine abgründige Mazurka von Chopin und das virtuose "Spinnerlied" in C-Dur op. 67/4 von Felix Mendelssohn Bartholdy.
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