Bis zu 110 Dezibel: Anwohner in der Altstadt klagen über zu laute Serenaden im Max-Reger-Park
"Sogar die Fenster wackeln"

Weiden in der Oberpfalz
11.08.2012
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Munter zwitschern die Meisen zum Geplauder auf der Terrasse der Familie Schwägerl. Bis das Saxophon einsetzt, das Keyboard erklingt und die Band "Vitello Tonnato & The Roaring Zucchinis" bei der Sommerserenade ihr zweieinhalbstündiges Showprogramm eröffnet. Mittwoch, 19 Uhr. "Sing, sing, sing" swingt es vom Max-Reger-Park zur Terrasse der Schwägerls herüber, wo die Meisen schnell das Weite suchen und das Gespräch erst einmal verstummt. Man versteht sich ja so schlecht.

Mit 80 Dezibel schallt die Serenaden-Musik zum Altstadt-Anwesen Hinterm Wall, misst Hausherr Ernst Schwägerl mit dem eigens angeschafften Schallpegel-Messgerät. Das entspricht zwar starkem Verkehrslärm. "So leise aber haben wir's in diesem Serenaden-Sommer noch nie gehabt", ruft Nachbarin Herma Opel über den Gartentisch hinweg.

Kein Vergleich sei das zu den Auftritten der vergangenen zwei Wochen, wo das Messgerät über Stunden teils bis zu 110 Dezibel (dB) angezeigt hat. "Das ist Körperverletzung", sagt Schwägerl mit Blick in seine Aufzeichnungen: 11. Juli. Es spielt die Zollkapelle Nürnberg: 60 bis 70 Dezibel über zweieinhalb Stunden: "Das war relativ ruhig. Ähnlich wie beim Kinderbürgerfest", urteilt Schwägerl. 18. Juli: Bei "Connection2Rock" zeigt das Messgerät bis zu 110 dB - ein Topwert; 25. Juli: Spider-Murphy-Coverband "miR san miR": 100 dB; 1. August "I Dolci Signori": 100dB - "und die Aufräumarbeiten gingen bis tief in die Nacht".

Mit Serenaden per Definition in Lexika als "leise höfische Musik" habe das nicht mehr viel gemein, klagt Schwägerl. Zunehmend ähnle die Veranstaltungsreihe einem Rockkonzert oder Festival. "Über die Jahre sind die Serenaden immer länger und lauter geworden", pflichtet ihm Herma Opel bei, " sogar die Fenster im Parterre wackeln."
Der Einsatz von Verstärkern sei das große Übel, meint Schwägerl und spricht von wummernden Bässen. Gegen sie richten auch seine schalldämpfenden Kopfhörer und die neue Fensterverglasung nichts aus, hinter der er sich zu Serenaden-Zeiten ins Wohnzimmer verzieht, um zu lesen. "Dem Fernsehprogramm kann man bei dem Lärm von draußen nicht folgen." Laut Messgerät liegt der Pegel am Mittwoch hinter verschlossenen Türen und Fenstern bei knapp 70 dB.

"Wir haben zweieinhalb Monate lang keinen ruhigen Mittwoch und keinen ruhigen Sonntag", sagt Philippine Schwägerl. "Diese Serenaden töten uns", ergänzt Herma Opel. Zuletzt machten sie gar die Hunde von Georg Kreiner rebellisch. Der 47-Jährige wohnt ein Stück weiter entfernt vom Max-Reger-Park, in der Unteren Bachgasse. Dennoch versetzten die Peitschenhiebe auf der Pavillon-Bühne beim Auftritt der Countryband "Texas Roosters" am vergangenen Sonntag seine Vierbeiner in Angst und Schrecken, erzählt er.

Hat der Veranstalter, die Stadt und hier das Amt für Kultur, Stadtgeschichte und Tourismus unter Leitung von Petra Vorsatz, denn von all dem keine Ahnung? "Seit zehn Jahren spreche ich immer wieder bei der Stadt vor. Auch mit CSU- und SPD-Vertretern habe ich gesprochen. Aber das ist, wie wenn Sie in Watte greifen", sagt Schwägerl.
"Man wird einfach nicht ernst genommen", klagt Herma Opel, die mittlerweile mit Mann Gerhard zu Serenadenzeiten oft in den Garten im Weidener Osten flüchtet. Dabei haben Opels, Schwägerls und Kreiners nichts gegen Serenadenmusik - egal welcher Art, betonen sie. Nur leiser sollte es zugehen, auf Verstärker und lästige Soundchecks Stunden vor Serenadenbeginn verzichtet werden und spätestens um 21.30 Uhr Schluss sein. Oder der Pavillon wird versetzt. Mit der Bühne in Richtung Friedrich-Ebert-Straße, so wie es ursprünglich vom Stadtrat geplant gewesen sei. Oder die Bühne zieht um in den Park um die Max-Reger-Halle oder wandert gleich durch sämtliche Stadtteile, schlägt Schwägerl vor und zuckt kurz zusammen, weil die Meise neben ihm auf dem kleinen Strauch an der Terrasse landet.

Es ist 20.30 Uhr. Ist die Serenade schon zu Ende? "Nein, nur Pause", sagen die Nachbarn im Chor. Zwei Serenaden in der vorletzten August-Woche stehen noch auf dem Programm. Dann herrscht Ruhe.
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