Caroline Juls lies aus Getrud Fusseneggers Roman
Kein Happy End in Bähmen

Caroline Juls zog mit dem Roman ihrer Großmutter Gertrud Fussenegger die Zuhörer in ihren Bann.

Bis in die 1990er Jahre hinein ist die Schriftstellerin Gertrud Fussenegger in Österreich eine Berühmtheit. Jedes Schulkind erkennt die Autorin auf der Straße. Mittlerweile aber ist Fussenegger etwas in Vergessenheit geraten. Zu Unrecht, wie sich beim Vortrag der Ackermann-Gemeinde zeigt.

Denn nach ihrem Tod in Linz 2009 hinterließ die Autorin Gertrud Fussenegger mehr als 60 Bücher, Romane, Lyrik, Erzählungen und Sachbücher, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Sie war Mitglied des P.E.N.-Clubs, Trägerin des Bundesverdienstkreuzes und seit 1972 Professorin. Das alles hörte die Besucher der Reihe Literarisches Café bei einer Lesung der Ackermann-Gemeinde. Mitveranstalter waren im Hotel Post die KEB Neustadt-Weiden und die Volkshochschule.

Mit Caroline Juls aus München hatte man eine profunde Kennerin von Fusseneggers Werken gewonnen. Kein Wunder, sie ist eine Enkelin Fusseneggers, hat ihre Oma häufig auf Lesungen begleitet. Im Mittelpunkt der Lesung stand der letzte Roman der österreichischen Schriftstellerin: "Jirschi oder die Flucht ins Pianino".

Er entstand Mitte der 1990er Jahre. Darin wird die Lebensgeschichte eines böhmischen Pianinobauers erzählt, der seine emporstrebende Firma nicht den sowjetischen Besatzern überlassen will, wie er daran verzweifelt und als geächteter Staatsfeind heimlich das Land verlässt. Auf seiner Irrfahrt gerät er in die USA und später in ein amerikanisches Kloster. Dort lernt er das Klosterleben kennen und lieben. Einem strengen Regelwerk unterworfen, studiert er Theologie, ohne je eine eigene Pfarrei leiten zu dürfen.

Ein melancholisches Buch, sinnbildlich für die deutsch-tschechische Geschichte vor und nach 1945. Heimatverlust und Entwurzelung ist das zentrale Thema des Romans, großartig und hintergründig der Perspektivwechsel von Fussenegger, nämlich als Deutschsprachige das Schicksal Böhmens mit der Biografie eines Tschechen zu erzählen. Die Besucher waren sehr beeindruckt, wie Caroline Juls es verstand, aus den einzelnen Erzählfragmenten ein stimmiges Gesamtbild zu entwickeln und den Literaturkreis in ihren Bann zu ziehen. Das konzentrierte Interesse belohnte Juls und verriet erstmals auch den Schluss des Romans. Ein Happy End in Böhmen gebe es nicht. Aber eine Versöhnung mit der Geschichte.
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