Dagmar Nick berichtet vom Schicksal ihrer jüdischen Familie
Schikane, Ausgrenzung, Ausbeutung

Dagmar Nick fasziniert mit ihrer spannenden Familiengeschichte die Besucher der lebendigen Lesung. Bild: Otto
Kultur
Weiden in der Oberpfalz
19.02.2016
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Geschichte erzählt immer auch Geschichten: In "Eingefangene Schatten" berichtete Dagmar Nick vom Schicksal ihrer jüdischen Familie. In Weiden las die Autorin am Donnerstag Auszüge aus ihrem Buch. Eingeladen hatte "Weiden ist bunt", gefördert durch das Bundesprogramm "Demokratie leben!"

Wenn man über das Schicksal der Juden in Europa spricht, liegt der Fokus meist auf dem Grauen des Holocaust. Dieser unfassbar pervertierte Antisemitismus hat aber eine lange, unheilige Tradition. Dagmar Nicks Buch setzt deshalb schon im 16. Jahrhundert ein und reicht bis zur Shoah und der Flucht nach 1945. Drei Jahre hat die Lyrikerin und Autorin in den Archiven geforscht, hat viele Dokumente gesichtet und immer wieder überraschende Verbindungen hergestellt. Weitere eineinhalb Jahre verwendete sie auf das Schreiben des Buchs.

Die zierliche, sehr wache 89-jährige Dame hat dabei weder einen Roman, noch ein rein dokumentarisch-historisches Werk verfasst. Sprachliche Bilder und humorvolle Bonmots lassen erahnen, das Dagmar Nick eine Lyrikerin von Rang ist. Besonders authentisch ist das Buch, da die Autorin als Halbjüdin das Unrecht des Dritten Reichs miterleben musste.

Am Donnerstag widmet sie sich der Zeit Preußens unter König Friedrich II. Jüdische Bürger wurden in Potsdam seinerzeit nicht nach ihrer Persönlichkeit oder gesellschaftlichen Stellung bewertet, sondern ausschließlich nach ihrem finanziellen Status.

So wurden Gesetze nach Gutdünken erlassen, die es Juden nicht gestatteten, mehr "als ein Kind anzusetzen", dem es wiederum nicht automatisch erlaubt war, selbst zu heiraten. Nur wer viel Geld hatte, konnte diese Schikanen umgehen - mit dem Erwerb eines Schutzbriefs mit den unterschiedlichsten Privilegien. Dagmar Nicks Vorfahren (Leib Levin sowie Hanna und Moses Isaak, Bendix Goldschmidt und seine spätere Frau Zippora) gehörten zunächst auch zu diesen wohlhabenden Bürgern Potsdams, die gute Geschäftsbeziehungen zum König hatten.

"Judenporzellan"


"Die Juden waren für die Rekrutenkasse und den Fiskus ein Gewinn", gerade in Krisenzeiten. Als die Kriegsführung Preußens ihren Tribut zollte, ließ Friedrich vollwertige Münzen mit vermindertem Silberanteil in Leipziger Münzstätten prägen. Die Schuld an den Betrügereien gab er den jüdischen Geschäftsleuten, die dafür viel Missgunst einstecken mussten.

Die Ausbeutung der Juden durch den König war vielgestaltig, auf widerliche Weise fast kreativ: Als das Geschäft mit Porzellan in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts schlecht lief, ließ man sich die Schutzbriefe mit einer Abnahme des "Judenporzellans" bezahlen - mit dem Hinweis, man könne das Porzellan gewinnbringend verkaufen. "Dadurch kam es zu einer fatalen Verarmung unter den Juden. Aus den Finanziers waren Schuldner geworden, berichtete Autorin Dagmar Nick.
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