Das alte Feuer brennt noch immer

Drei authentische Musiker mit Charisma und faszinierender Biografie: Das "European Jazz Trio" mit (von links) Ali Haurand, Jiri Stivin, und Gerd Dudek sorgte beim Weidener Jazz-Zirkel für einen weiteren Höhepunkt im Jubiläumsjahr. Bild: Reitz

"Bei unseren ersten Auftritten waren wir zusammen 87 Jahre alt, heute sind wir 219", so scherzt Ali Haurand, Initiator des "European Jazz Trios", bei seiner Einführung in Weiden. Und ein wenig Wehmut klingt an, als er aufzählt, wie viele seiner Musikerkollegen inzwischen verstorben sind.

Schon beim ersten Ton auf seinem Kontrabass aber spürt man, dass hier ein Dreigestirn mit unendlicher Erfahrung und Spielpraxis auf der Bühne des Jazz-Zirkels steht, Musiker, die sich blind verstehen und sich auch im Rentenalter ihre Frische und Lust am gemeinsamen Musizieren erhalten haben.

Ein swingender Grundrhythmus dient als Basis über der sich die beiden Holzbläser frei entfalten können, wobei sich Gerd Dudek auf Tenor- und Sopransaxofon beschränkt, während Jiri Stivin neben Altsaxofon und Querflöte auch Klarinette, Blockflöte und eine Plastikrohr-Flöte als Klangfarben einsetzt. Wie der sagenumwobene "Rattenfänger von Hameln" verzaubert er den Zuhörer durch sein sprichwörtliches "Böhmisches Musikantentum".

Ohne Konkurrenz

Auf der Querflöte ist er ohnehin weltweit ohne Konkurrenz. Er hat die Spieltechniken eines Roland Kirk perfektioniert und entlockt dem Instrument ungeahnte Klänge und Möglichkeiten. Mit Überblastechniken und Obertönen und gelegentlichen Einsatz der Stimme eröffnet er neue Klangwelten, sein untrüglicher Sinn für Melodien und Dramaturgie, aber auch Humor, zeigt sich auch in seinen Eigenkompositionen: Mal verträumt folkloristisch angehaucht, dann wieder rasende Bebop-Themen, die die gesamte Geschichte das Jazz umfassen.

Ein Gegenpol dazu ist Gerd Dudek, schon vor 55 Jahren legendärer Solist im Orchester von Kurt Edelhagen und später in der Kenny Clarke - Francy-Boland-Bigband. Er agiert ruhig und besonnen, intoniert die Themen mit herrlichem Timbre und kommentiert das musikalische Geschehen auf höchst einfühlsame Art. Sein sonorer Ton auf dem Tenorsaxofon geht unter die Haut, bei den leisen Passagen wagt man kaum zu atmen. Man absolviert ein akustisches Abenteuer, bei dem der Ausgang stets ungewiss bleibt. Wie selbstverständlich fügen sich Eigenkompositionen, Standards und Improvisation zusammen: Das ist "Freejazz" im wörtlichen Sinn, die Freiheit, neben Wohlklang und Harmonie, auch Dissonanzen und Geräusche zu verwenden. So entwickeln sich aus Ali Haurands Komposition "Pulque" wie selbstverständlich die Standards "Autumn Leaves" und "Loverman". Zusammengehalten wird das alles durch Haurands einfühlsame, stets swingende Bass-Harmonik.

Wie kein anderer verbindet er den "Walking Bass" mit einer ausgefeilten Akkord-Technik, setzt perkussive Akzente und hält durch ständige Variationen und Tempowechsel die Spannung aufrecht. Dabei besticht sein erdiger Klang, Ausflüge in höhere Lagen sind extrem selten, der Bogen wird nur gelegentlich als solistische Sahnehäubchen eingesetzt.

Coltrane und Komeda

Zwischen den einzelnen Musikpassagen lässt Haurand immer wieder Erinnerungen an die glorreiche Historie aufblitzen. Da erzählt er von einer mit John Coltrane durchzechten Nacht als Einstimmung zu dessen leider nur selten gespielter Komposition "Some other Blues", das dann von Jiri Stivin auf einer Diskantblockflöte quirlig und hochvirtuos untermalt wird, während Gerd Dudek Tranes hymnischen Ton auf dem Tenorsaxofon zu neuem Leben verhilft.

Blues als Zugabe

Ein Ohrwurm ist auch "Rosmary's Baby", eine Komposition von Krzysztof Komeda, mit dem Ali Haurand 1965 in Warschau jammte, in einer Zeit als die Wunden der Kriegsjahre in Polen noch nicht verheilt waren und "Deutsche" nicht gerade gerne gesehen waren. Mit seiner Komposition "Gute Nacht, mein Liebchen" demonstriert Jiri Stivin noch einmal, wie man auf einer simplen Plastikrohr-Flöte virtuos und stimmungsvoll musiziert. Natürlich durfte als Zugabe auch ein "echter" Blues nicht fehlen, eine Form, die über Generationen im Jazz mit ungetrübter Begeisterung gepflegt wird.

"Wir sind heute 730 Kilometer gefahren, um in Weiden zu spielen", erzählte der in Viersen beheimatete Bassist, und dieses Konzert zählt wohl zu den Höhepunkten, die der Jazz-Zirkel in seiner 40-jährigen Geschichte auf die Bühne gebracht hat. Glücklich, wer diesen einzigartigen Abend mit drei Ikonen des europäischen Jazz genießen konnte - Pech für den, der ihn versäumt hat!
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