Der Gast, der immer vor der Haustür sitzt

Lee'Oh ist Sängerin und hat Multiple Sklerose. Sie lässt sich nicht entmutigen, gibt nicht auf. Vielmehr sprudeln aus ihr Energie und Schaffenskraft. Jetzt kommt ihr neuestes Projekt auf den Markt.

Lee'Oh, die Sängerin mit der "schwarzen Stimme", strahlt eine ungeheure Kraft aus, sie ist putzmunter, lacht viel, erzählt von ihrer Musik. Sie singt seit ihrer Kindheit, will in der schwierigen Musikszene Fuß fassen, mit oder trotz ihrer MS-Erkrankung. Anlässlich des heutigen Welt-MS-Tages gab sie der Kulturredaktion ein sehr persönliches Interview.

Du kommst gebürtig aus Unterfranken, bist gelernte Bürokauffrau. Irgendwann hast du alles umgekrempelt und bist ins Ostallgäu gezogen, lebst in einem Wohnwagen.

Lee'Oh: Es war ein Punkt erreicht, an dem nichts mehr vorwärts ging. Ich wollte flexibel sein, irgendwo auf der Welt Menschen finden, die mit mir meine eigene Musik realisieren. Ich kündigte meine Wohnung, kaufte mir einen Wohnwagen und beschloss, dass meine erste Station bei München sein soll.

Wie haben Freunde, Familie auf deine "Lebensrevolution" reagiert?

Lee'Oh: Da die ganze Aktion sehr schnell ging, war nicht viel Zeit zum Nachdenken. Mein Onkel beantwortete mir als erfahrener Camper geduldig meine wichtigsten Fragen, die ich zum Leben im Wohnwagen hatte. Der Rest meines Umfelds reagierte bis auf wenige Ausnahmen im ersten Moment ziemlich geschockt, gewöhnte sich aber schnell an meinen Entschluss. Alle wussten, dass ich alle Hebel in Bewegung setzen würde, um mein Vorhaben zu realisieren. Und das tat ich, löste meine Wohnung auf, "groovte" mich nebenher auf mein Leben mit Wohnwagen "Oh'scar" ein.

Du willst jetzt als Sängerin Fuß fassen, Karriere machen, dein Leben finanzieren. Siehst du schon Erfolge?

Lee'Oh: Seit meinem Entschluss, alles loszulassen, lerne ich auf oft unglaubliche Weise Menschen kennen, die mich auf meinem Weg unterstützen und die ich manchmal durch meine Lebensweise ein Stück weit inspirieren kann. Immer spannend geht's nach vorne. Auch durch haarsträubende Irrwege, durch die ich sehr viel gelernt habe und die ich direkt wieder in meine Texte gepackt habe. In den letzten 14 Monaten habe ich viele wunderbare Songs mit tollen Songwritern und Musikerkollegen geschrieben. Unendlich dankbar bin ich, dass ich eine großartige Band und ein Tonstudio gefunden habe, die sofort bereit waren, mit mir "ehrenamtlich" mein erstes unplugged-Album aufzunehmen.

Du sagtest kürzlich "Ich gehe meinen Weg und werde nicht aufgeben." Wie soll dieser Weg aussehen, wie stellst du ihn dir vor?

Lee'Oh: Mein Ziel ist es nach wie vor, meine eigene Musik in die Welt zu tragen und davon leben zu können. Ganz einfach eigentlich.

Du lebst seit mehr als zehn Jahren mit der Krankheit MS. Wie sehr hat sich dein Leben durch die Diagnose verändert?

Lee'Oh: Die Diagnose MS im Jahre 2001 hat meinen Wunsch als Sängerin zu leben, letztendlich um einiges beschleunigt. Die positive Energie, die ich beim Singen verspüre, wirkt sich positiv auf meinen Krankheitsverlauf aus, weil ich ja liebe, was ich da mache.

Wie wirkt sich das Künstlerleben, das doch mitunter unsicher und vor allem sehr anstrengend ist, auf den Krankheitsverlauf aus?

Lee'Oh: Anstrengend ist für mich nur immer das, wohinter ich nicht mit ganzem Herzen stehen kann und was ich mir über längere Zeit "aufdränge". Bedeutet für mich, dass sich alles um die Musik absolut positiv auf mich und meine Gesundheit auswirkt. Eine gewisse "Unsicherheit" als Selbständige war mir von Anfang an bewusst, die Freiheit im Arbeiten war für mich das größere Argument, mich von Herzen darauf einzulassen.

Niemals aufgeben - trotz einer schweren und unberechenbaren Krankheit. Wie schwer ist dies?

Lee'Oh: Bis heute ist es für mich unvorstellbar, "einfach aufzugeben". Da ist so ein übergreifendes Gefühl in mir, das so sehr brennt, manchmal sogar kurz vorm explodieren ist. Dieses Gefühl lässt bei mir keinen Gedanken aufkommen, meine Fäuste runterzunehmen und meinem Gegner eine saubere Linke zu erlauben. Geht nicht, gibt's nicht. Für mich entwickelten sich Symptome der Diagnose zunehmend als eine rote Ampel, eine Art Warnsignal, bei welchem ich dreimal mehr auf mich achte. Ich sorge dafür, dass es in mir und um mich herum eine Art von regelmäßigem "Frühjahrsputz" gibt. MS ist für mich ein ungebetener Gast, der vor meinem Haus sitzt - ich grüße ihn täglich, aber ich lasse ihn nicht in mein Haus.

Auf Deiner Homepage und bei Deinen Livekonzerten werden wir bald Dein erstes unplugged-Album kaufen können - was steht aktuell bei Dir an, Du bekommst Zuwachs?

Lee'Oh: Seit einigen Wochen bin ich dabei, zu meinem recht betagten Wohnwagen Oh'scar eine einfache, mobile Lösung zu finden. Ich möchte mir mit einem kleinen Wohnmobil noch mehr Flexibilität und weniger Stress rund um meinen Terminkalender ermöglichen. Parallel freue ich mich auf erste Sponsorengespräche rund um meinen musikalischen Weg, um gemeinsam noch viel mehr in Bewegung zu bringen.

Du sagst, "Das Schicksal hat mich am Hals gepackt, einmal durchgeschüttelt, dann war es für mich letztendlich positiv, dass es so gekommen ist." Es war dein persönlicher Weg. Kannst du aus deinen Erfahrungen heraus anderen Menschen einen Lebensrat geben?

Lee'Oh: Ich muss ehrlich gestehen, dass ich auf Warnungen und Ratschläge anderer nie gehört habe. Nie. Ich bin ein Typ, der oft losrast, ohne sich vorher umzuschauen. Umso mehr widerstreben mir Ratschläge für andere. Vielmehr möchte ich mit meinen Texten die Menschen "freiwillig" berühren - vielleicht wecke ich in ihnen mit dem ein oder anderen Titel ein Gefühl, dass ihnen vertraut ist, eine Situation, in welcher sie sich wiederfinden und kann ihnen so mit meinen Liedern etwas positives mit auf den Weg geben - ein Gefühl das uns verbindet. Das Gefühl, verstanden zu sein.

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Weitere Informationen und den kostenfreien Download von "Das bin ich" unplugged gibt's auf www.leeoh.de
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