Der kaukasische Kreidekreis in der Max-Reger-Halle in Weiden
Rechtsbeugung im Dienst der Menschlichkeit

Die Kulturbühne Weiden bietet eine glänzende Aufführung von Bertolt Brechts "Kaukasischer Kreidekreis" in der Weidener Max- Reger-Halle. Bild: Kunz

In seinem Lehrstück "Der kaukasische Kreidekreis" behandelt Bertolt Brecht ein originär humanitäres Problem. In der Weidener Max-Reger-Halle zeigt die Konzertdirektion Landgraf eine Inszenierung mit präzise porträtierten Charakteren.

Nach den Erfahrungen der Nazidiktatur blieb es Brecht vorbehalten, den bestechlichen Richter Azdak den Streit zweier Frauen um ein Kind, ein humanitäres Problem in seinem Lehrstück "Der kaukasische Kreidekreis", beurteilen zu lassen. Das Drama wurde im Auftrag der Konzertdirektion Landgraf im Theater Amberg erarbeitet und am Montag in der Weidener Max-Reger-Halle vor einem tief beeindruckten Publikum gespielt.

Der Konflikt, um den es geht, hat eine lange Tradition, zumindest im Theater und in der Literatur. Etwa 1000 v. Chr. soll der jüdische König Salomon das Schwert zu Hilfe genommen haben, um den Streit zweier Frauen um ein Kind zu schlichten. In einer chinesischen Version des gleichen Stoffes wird auf eine derart blutige Variante verzichtet. Bertolt Brecht, der gerne und immer wieder historische Stoffe aufgegriffen hat, nahm das Thema 1944 auf während seines Exils in Amerika. Zurück in Deutschland, brachte er es 1954 in Berlin zur Aufführung.

Einfache Menschen


Fasziniert haben den Dichter das starke humanitäre Element der Auseinandersetzung und der Umstand, dass dies mitten in einer Revolution geschieht, in einer Phase, in der das Volk politischen Einfluss nehmen kann. So sind die Handelnden und Entscheidenden einfache Menschen. Der Richter Azdak, der selbst zweimal dem Galgen entkommt, der offensichtlich die Rechtsprechung auf den Kopf stellt, wird als zerlumpter Mensch dargestellt, so wie bei Shakespeare die Narren auftreten. Er ist aber ein lauterer Mann. Anders konnte Brecht dem Publikum sein Kreidekreis-Urteil nicht glaubwürdig vermitteln.

Inthega-Preisträger Peter Bause spielt die Rolle des Richters, führt aber schon als Sänger von Anfang an das Publikum durch die Handlung. Der Gouverneur Abaschwili wird nach einem Staatsstreich hingerichtet. Seine Witwe kann entkommen, packt aber ihre kostbaren Kleider zusammen, bevor sie flieht, und lässt ihren kleinen Sohn zurück. Die Magd Grusche (Jennifer Lorenz) nimmt sich des Kindes an und flieht mit ihm in die kaukasischen Berge, wo sie den Knaben als ihr eigenes Kind ausgibt. Nach dem Krieg fordert die Gouverneurswitwe ihren Sohn zurück, um ihr Erbe zu sichern. Diesen Streit muss Richter Azdak in einem salomonischen Urteil schlichten.

Peter Bause, der auch Regie führte, lässt in einer schlichten und dennoch beeeindruckenden Kulisse, die das Tor des Gouverneurspalastes darstellt, die Akteure in prächtiger Kostümierung auftreten. Die Schauspieler tragen auch, wie Brecht es anordnete, Masken wie die Darsteller im Theater der Antike. Leidenschaftliche Dialoge, die teilweise mit erheblicher Lautstärke geführt werden, lassen das Publikum ganz nahe teilhaben am Geschehen.

Richter ist immer ein Lump


Aufwendig inszeniert ist vor allem das Herzstück der Fabel, die Kreidekreis-Probe, die deutlich die tiefe Kluft zwischen dem ehemaligen Herrscherhaus und den einfachen Leuten demonstriert. Die Gouverneursfrau wird von zwei Anwälten vertreten, die Magd Grusche hat nur die Köchin als Beistand.

Die einzelnen Gruppen sind in Auftritt und Gestik präzise porträtiert: der Bauer, der die Magd mit dem Kind nicht aufnehmen will. Der Mann, der keine Milch für das Kind hergeben will. Die Soldaten mit rüpelhaften und gewalttätigen Aktionen. Sie machen zuletzt Azdak zum Richter, weil sie denken, dass der Richter immer ein Lump war, nun ein Lump der Richter sein soll: Eine Umkehrung der Gerechtigkeit, die im Sinne Brechts auf Staat und Gesellschaft übertragen, nicht unproblematisch ist. Doch: Azdak und Grusche gewinnen am Ende beide, Einmal kann Azdak im Sinn seiner Träume vom gerechten Leben ein Urteil fällen, und einmal darf Grusche Gerechtigkeit erleben.
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