Die Magie der Erzählkunst

Rafik Schami liest nicht einfach aus seinen Werken vor, sondern erzeugt mit seiner einzigartigen Erzählkunst plastische Bilder und erweckt so seine Figuren zum Leben. Bild: Otto

Rafik Schami gehört zu den erfolgreichsten Künstlern der deutschen Belletristik-Szene. Mit "Sophia oder der Anfang aller Geschichten" stellt er am Donnerstag in der ausverkauften Weidener Buchhandlung Rupprecht sein neuestes Werk vor.

Wenn es so etwas wie Stand-up-Literaten gibt, dann ist Rafik Schami wohl der unerreichte Meister dieser Kunst. Ein magisch-guter Geschichtenerzähler, der seine Figuren, Handlungsstränge und Orte so plastisch und gestenreich beschreibt - als wäre man noch einmal Kind und Schami säße an der Bettkante. Nach wenigen Worten fliegen ihm die Herzen der Zuhörer zu.

Der Romancier ist kein intellektueller Narziss, nimmt sich nicht so wichtig und scherzt kokett. "Auch wenn Sie Eintritt gezahlt haben - sie werden 90 Minuten Ihrer Zeit verlieren, ich kann nur alles dafür tun, dass Sie es so wenig wie möglich spüren." Das Versprechen hält er.

Kurz zusammengefasst ist "Sophia" ein Buch über die Kraft der Liebe, die Jahrzehnte überdauern und Leben retten kann. Schami hat seine Protagonisten mit reichlich Charisma ausgestattet. Da ist Sophia, eine kluge Christin, die in der Schule Karim, einen aufgeklärten und weltoffenen Moslem, kennenlernt.

Die beiden verlieben sich, doch können nicht zueinander finden. Denn Sophia ist einem reichen Goldschmied versprochen. Als Sie sich trennen müssen, sagt sie: "Ich kann dich nicht heiraten, aber ich werde dich immer lieben. Wenn du Hilfe brauchst, werde ich dir helfen."

"Rote Linie" überschritten

Als Karim von seinem Vater plötzlich den Auftrag erhält, seine Schwester zu ermorden, weil sie die "rote Linie" der Sippe überschritten hat und allen Regeln zum Trotz einen fremden Mann heiratet, bricht Karim auf, um seine Schwester zu warnen.

Letztendlich wird die "gefallene Tochter" von einem Cousin getötet und man will Karim die Tat in die Schuhe schieben. Sophia versteckt ihn bei einer Verwandten, bis der Ehrenmord sich aufklärt.

60 Jahre später wird sich Karim, selbst Vater geworden, für die Hilfe seiner Jugendliebe erkenntlich zeigen. Liebe, Loyalität und Rebellion sind in den Jahren zwischen den beiden Handlungssträngen genauso einflussreich auf die Geschichte wie Fundamentalismus, Hass und Terror.

"Sophia oder der Anfang aller Geschichten" ist in seiner Handlung nicht nur ein grandioses Stück Literatur, sondern eine Quelle der Geschichte Arabiens. Das Buch erzählt auch von der Blütezeit Syriens nach der Unabhängigkeit von den französischen Besatzern.

Extreme Loyalität

Schami selbst ist als Christ in eine Schule der Jesuiten gegangen, in der Christen und Muslime friedlich zusammen lernten - in einem hoch entwickelten Bildungssystem. "Wir kannten die deutschen Autoren, die antiken Philosophen und den Humanismus."

Thema ist aber auch die fatale Einflussnahme der Sippe auf die Gesellschaft. "Das basierte auf einer extremen Loyalität - im Guten, wie im Schlechten". Das hat bei den Lebensbedingungen der Beduinen in der kargen Wüste Sinn gemacht. Mit einer demokratischen Ordnung passte das nicht zusammen."

Diesen unheilvollen Einfluss sieht Schami auch heute noch in den Ländern Arabiens - mit teils obskuren Vorschriften. "In Saudi Arabien dürfen die Frauen nicht Auto fahren. Aber kaum jemand weiß, dass in vielen muslimischen Ländern Frauen nicht das Fahrrad benutzen dürfen, weil das die Jungfräulichkeit gefährden könnte."
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