Die tschechische Autorin Radka Denemarková liest bei den 19. Bayerisch-Böhmischen Kulturtagen
"Ich möchte nicht berühmt sein, ich möchte gut sein"

Autobiografien über die Schrecken und Folgen der Vertreibungen am Ende des Zweiten Weltkrieges gibt es angesichts des grenzenlosen Unglücks wie Sand am Meer - in unterschiedlicher Qualität. Kürzlich hat schon eine Grande Dame dieser Gattung, Barbara von Wulffen ("Urnen voll Honig"), bei den Bayerisch-Böhmischen Kulturtagen einen Blick auf die schwierige deutsch-tschechische Nachkriegsgeschichte geworfen.

Am Dienstag stellte nun in der Buchhandlung Rupprecht die tschechische Autorin Radka Denemarková ihren zweiten Roman mit dem ironischen Titel "Ein herrliches Fleckchen Erde" (Deutsche Verlags-Anstalt, 2009) vor. Obwohl erst vor wenigen Monaten auf dem Markt erschienen, wurde das fast 300 Seiten starke Buch bereits in elf Fremdsprachen übersetzt, wird zudem gerade verfilmt. Und dennoch wird die mit dem höchsten Literaturpreis ihres Landes ("Magnesia Litera") ausgezeichnete Dozentin am Institut für tschechische Literatur in Prag in ihrer Heimat als "Nestbeschmutzerin" beschimpft.
Warum? Weil sie sich um "Skelette im Schrank" (wir würden sagen: Leichen im Keller) ihres Landes kümmert, indem sie als Tschechin das fiktive Schicksal der jüdischen Sudetendeutschen Gita Lauschmannová und deren Familie schildert.

Starke Sprache

Ihre Stimme erweist sich bei der Lesung als nicht allzu kräftig, daher wünscht sich Radka Denemarková ein Mikrofon. Nach wenigen Sätzen merkt der Hörer jedoch, dass die literarische Sprache der auf Deutsch souverän vortragenden Autorin umso stärker und lauter ist. Anhand zweier Lesebeispiele gibt die meisterhafte Schriftstellerin in plastischer Sprachmacht Einblick auf ihr Werk.

Wie unter einem Mikroskop schildert Denemarková kühl und sachlich, aber mit zunehmender Emotionalität, wie der fünfjährige Denis zwischen Apfelgarten und Sandkasten einen menschlichen Totenschädel ausgräbt und damit seine Umgebung mit der unangenehmen und verdrängten Vergangenheit konfrontiert. Der Buchinhalt kreist jedoch um die Hauptfigur Gita, die von den Nazis gequält wird.
Als 16-Jährige kehrt sie im Jahr 1945 aus dem Konzentrationslager in ihr Heimatdorf Puklice zurück, findet dort fremde Leute auf dem Gut der Familie vor und wird als deutschsprachige "Staatsfeindin" vertrieben. Auch noch sechzig Jahre später wird der Nachfahrin der Großgrundbesitzerfamilie der Hass der Dorfbewohner entgegen schlagen. Nach dem Leseteil stellte sich die Pragerin auch den Fragen des Publikums. Denemarková erklärte, was sie sich nach der Veröffentlichung alles anhören musste und warum der tschechische Originaltitel ihres Buches "Geld von Hitler" nicht für den deutschen Markt übernommen wurde: "Da haben die Deutschen sonst gleich genug davon", soll der Verlag richtigerweise geschätzt haben.

Mutige Autorin

Als Fazit bleibt: Gute Literatur muss die Wahrheit sagen über Dinge, die man allerorten nur zu gern unter den Teppich kehrt. Dazu braucht es mutige Autorinnen wie Radka Denemarková, die von sich selbst sagt: "Ich möchte nicht berühmt sein, ich möchte gut sein. Das Schreiben rettet mich."
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