Ehrung für Verdienste um klassische Musik in Weiden
Harald Roth erhält die Max-Reger-Medaille

Harald Roth investiert viel Zeit in sein Hobby Musik. Diesem Aufwand ist es zu verdanken, dass Weiden in der Klassikwelt in einem Atemzug mit internationalen Großstädten genannt wird. Dafür bekommt er am Montag die Max-Reger-Medaille. Bild: phs
Kultur
Weiden in der Oberpfalz
30.04.2016
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Auch Hans-Robert Thomas besitzt die Reger-Medaille. Bild: Götz

Der Weidener auf Reisen dreht bekanntlich Teller um. Könnte ja sein, dass das Geschirr im Hotel in Singapur aus seiner Stadt kommt. Dem Musikliebhaber geht es ähnlich. Liest er Plakate an Konzerthäusern in Paris, London oder Boston, denkt er an zu Hause. Höchste Zeit, deswegen auf Dr. Harald Roth ein Loblied anzustimmen.

Von Friedrich Peterhans

Die Namen aus der Klassik, mit denen sich die Säle in den Metropolen schmücken, haben viele Weidener schon einmal in der Max-Reger-Halle gehört - für wesentlich weniger Geld. Harald Roth ist seit 1994 künstlerischer Leiter des Förderkreises für Kammermusik. Seitdem hat er die Stadt auf der Landkarte der Hochkultur als Oberzentrum eingezeichnet. Am Montag überreicht ihm Oberbürgermeister Kurt Seggewiß dafür die Max-Reger-Medaille.

Damit trifft es einen, der Musik lebt. Der sich von einem Elf-Stunden-Tag in der Allgemeinarztpraxis in Altenstadt beim Hausmusik-Streichquartett zu Hause auf dem Neustädter Felix erholt. Einen, der im Urlaub durch die Lande reist, um Künstler zu hören, ob sie seinen Ansprüchen für die Weidener Meisterkonzerte genügen. Denn: "Auf einer CD wird sehr viel getrickst, das geht im Saal nicht. Und das Weidener Publikum ist sehr aufmerksam."

Hausmannskost mit Stars


Kent Nagano, ehemals Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, hat Roth schon bestätigt, dass "das liebe Nest" (Max Reger) Zuhörer hat, die sehr "sophisticated" seien. Ohne Roth und seine Mitstreiter um Christoph Thomas ließe sich jemand wie der Kalifornier Nagano oder seine Frau, die japanische Pianistin Mari Kodama, wohl kaum in der Oberpfalz sehen. Im Gegenteil: Sie bleiben gern zum Abendessen bei Roths, lassen sich bayerische Kost schmecken und schicken zwischendurch mal eine nette E-Mail.

"Gute Künstler sind wie du und ich", sagt Roth. Also ohne Allüren oder Überheblichkeit. Wobei: Ein bisschen kompliziert sind sie schon. Der ukrainische Pianist Oleg Maisenberg zum Beispiel. "Der ist vor dem ersten Akkord unglaublich nervös. Nach dem Konzert ist er aber richtig gelöst und erzählt wunderbar Witze. Der hat bei uns auch ganz schön dem Grappa zugesprochen", erinnert sich Roth an einen langen Abend.

Oder Grigori Sokolow, den viele in der Fachwelt für "den besten Pianisten der Welt" halten. Der Russe war schon dreimal in Weiden. "Ihm gefällt das Familiäre hier." Das gilt auch für den lettischen Ausnahmegeiger Gidon Kremer.

Exzentriker am Flügel


Hätte die Stadt dank des Förderkreises nicht einen so guten Namen bei Agenturen, würde ein Kaliber wie Sokolow Ostbayern höchstens vom Fensterplatz aus dem Flugzeug kennen. Damit das nicht so ist, strecken sich Roth und seine Freunde gewaltig. Sokolow kostet pro Abend rund 20 000 Euro. Zusätzlich muss ihn jemand bisweilen mit dem Auto aus Landshut holen und nach dem Auftritt nach Rosenheim fahren. Der Meister spielt nur auf Steinway-Flügeln, die nicht älter als drei Jahre sind. Solche Exemplare leiht Roth bei einem Händler in Regensburg. Der Mann kommt gleich mit, denn der Pianist verlangt schon mal, dass in der Pause nachgestimmt wird.

Das alles wäre ohne treues Stammpublikum nicht zu machen. Der Förderkreis hat rund 360 Mitglieder und 190 Abonnenten pro Saison. Zu zwei Dritteln finanziert er sich über Eintrittskarten und Beiträge, zu einem Drittel über Sponsoren. Die Stadt schießt jährlich 13 300 Euro zu. Das ist verbunden mit der Auflage, damit so oft wie möglich Orchesterkonzerte auszurichten. Der Gesamtetat umfasst zwischen 60 000 und 70 000 Euro jährlich. Doch die Zeiten werden härter. "Von der Maria-Seltmann-Stiftung bekommen wir ja leider nichts mehr." Auch Künstler aus Osteuropa kosten immer mehr. "Und die Max-Reger-Halle wird für uns teurer. Die Kröte werden wir schlucken müssen, es sollte aber schon im Rahmen bleiben", mahnt Roth Richtung Hallen-GmbH, mit der er die Zusammenarbeit aber ausdrücklich lobt.

Ein anderes Problem: "Es passiert, dass Leute bei uns austreten, wenn sie in Rente gehen. Sie sagen, dass sie sich das nicht mehr leisten können." Allerdings kosten die Tickets für Weltstars am Gasteig in München oder in der Philharmonie in Berlin locker das Doppelte oder Dreifache wie in Weiden.

Händchen für Aufsteiger


Das hiesige Publikum weiß in der Regel schon zu schätzen und zu zahlen, wen es da vor sich hat. Klaviervirtuosinnen wie Katia und Marielle Labèque etwa. Die beiden Französinnen verlangten rund 24 000 Euro samt Übernachtung im Hotel "Mandarin Oriental" in München. Roth: "Die hielten Weiden für so eine Art Vorort." Doch die Verantwortlichen sind keine Phantasten. "Wir wurden schon mal auf Anne-Sophie Mutter angesprochen. Die hätte vor Jahren bereits 60 000 Euro gekostet, das geht nicht."

Der Förderkreis hechelt den Stars nicht hinterher. Er ist stattdessen bekannt, ein Händchen für hochbegabte Newcomer zu haben. 2004 gastierte die Venezolanerin Gabriela Montero in der Reger-Halle, fünf Jahre später begleitete sie am Klavier mit dem Cello-Riesen Yo Yo Ma die Amtseinführung von Präsident Obama im Weißen Haus. Weiden hat eben Strahlkraft in der Klassikwelt. Beim Förderkreis war als Weltpremiere Beethovens "Große Fuge" op. 133 an einem Abend gleich zweimal zu hören. Einmal in der Streichquartett-Fassung vom Artemis-Quartett und einmal in Beethovens eigener Version für Klavier zu vier Händen vom Duo Tal/Groethuysen. Diese außergewöhnliche Idee hatte Harald Roth. Nach dem Auftritt rissen sich Veranstalter in Barcelona, Wien und Berlin um dieses Programm.

Ungewöhnliches und Überraschendes: Das schätzt der Bayerische Rundfunk an Roths Konzerten. "Die nehmen zwei, drei Mal im Jahr bei uns auf, weil sie wissen, dass wir nicht wie andere die 50 meistgespielten Werke der Klassik anbieten."

Bleibt zu hoffen, dass dies alles noch lange so bleibt. Roth ist nicht bange, so lange weiter über Freikarten Schüler nachkommen, aus denen im Idealfall mal Abonnenten werden. "So hat es bei mir auch angefangen."
Die Max-Reger-Halle wird für uns teurer. Die Kröte werden wir schlucken müssen, es sollte aber schon im Rahmen bleiben.Dr. Harald Roth


Zur PersonHarald Roth spielt seit seinem sechsten Lebensjahr Geige. Eine Musiklehrerin riet ihm aber, diese Leidenschaft nicht zum Beruf zu machen: "Glaub mir, anders ist es schöner." Also studierte der Augustinus-Abiturient in Erlangen Medizin, besuchte aber nebenher Vorlesungen in Musikwissenschaft. Der 66-Jährige stammt aus einer Lehrerfamilie und hat mit seiner ebenfalls sehr musikalischen Frau Elisabeth drei erwachsene Kinder. (phs)


Ein Verein, zwei MedaillenDer Förderkreis legt einen Teil seiner Einnahmen zurück, um alle drei Jahre ein Orchesterkonzert auf die Beine zu stellen. Zuletzt gelang das sogar jährlich. Am kommenden Samstag ist es wieder so weit. Es gastiert das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, im weltweiten Orchester-Ranking auf Platz sechs.

Der künstlerische Leiter Dr. Harald Roth hätte sich allerdings weitere Möglichkeiten zum Max-Reger-Jahr gewünscht. "Da hätte man mehr machen können." Kritik an der Stadt verkneift er sich, weil er um die Sparzwänge im Rathaus weiß. Das Interesse des Publikums wäre aber vorhanden. Das hätten die früher im Drei-Jahres-Turnus stattfindenden "Weidener Musiktage" gezeigt. "Da kamen Reger-Hörer aus München, Erlangen, Bamberg und dem Ruhrgebiet."

Die Max-Reger-Medaille ist gleich nach der Ehrenbürgerschaft und neben der Bürgermedaille die höchste Auszeichnung der Stadt. Sie wird nur alle fünf Jahre verliehen und ist mit 500 Euro dotiert. Solange mindestens zehn Träger der Medaille noch am Leben sind, wird sie vorerst nicht vergeben. 1984 erhielt Hans-Robert Thomas die Medaille. Ab Montag ist der Förderkreis für Kammermusik damit der erste Verein, der zwei lebende Träger in seinen Reihen hat. (phs)
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