Ein Taxi zum Rotlicht, bitte

Jutta Metzger und Georg Feiler fahren seit Jahrzehnten Taxi. Das prägt den Blick auf die Stadt - und bringt kuriose Erlebnisse mit sich. Bild: Hartl
Kultur
Weiden in der Oberpfalz
16.08.2015
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Wer mit Menschen arbeitet, bekommt die kuriosesten Dinge mit. In einer kurzen Sommer-Serie stellen wir Weidener aus verschiedenen Branchen vor, die besondere Erlebnisse aus ihrem Berufsleben erzählen. So wie ein Taxifahrer, der leichtbekleidete Damen chauffierte und sich nebenbei Gedanken übers Weidener Nachtleben macht.

Georg Feiler lehnt an einem Auto vor der Taxi-Zentrale in Frauenricht. Einer seiner großzügig tätowierten Arme stützt ihn an der Karosserie, der andere schwenkt eine Zigarette hin und her, was in der kommenden Stunde noch oft der Fall sein wird. Die Stimme rauchig, die Bewegungen einnehmend, auch mit den 60 Jahren, die er seit Kurzem alt ist. "Normal sagen's Bubi zu mir", erklärt er zur Begrüßung.

"Wie ein Magnet"

Feiler gehört zu den Taxifahrern, die nicht nur konturlos hinterm Steuer sitzen. An ihn dürften sich einige erinnern, zumal er seit mehr als 30 Jahren im Geschäft ist. Auch heute - er ist inzwischen Gesellschafter bei der Zentrale - lenkt er noch regelmäßig die hellelfenbeinfarbenen Gefährte. Verzichten würde er so schnell nicht darauf. "Das ist wie ein Magnet", sagt er. "Das ist ein Gewerbe, da kommst du nicht mehr weg." Warum? Es sind natürlich die Menschen, und die Einblicke, die man nur in dem Beruf bekomme, sagt Feiler. Der Taxler ist einfach da, manche nehmen ihn nicht wirklich wahr - und er sieht dafür umso mehr. Für andere gehört er mehr oder weniger zur Familie. Vor allem wenn er - wie Feiler 20 Jahre lang - nachts fährt, zu der Zeit, zu der ein eigener Menschenschlag arbeitet.

Nachts spielen auch die meisten der zahllosen Geschichten, die bei Feiler in all den Jahren hängengeblieben sind. Verständlich, zumal es da auch um allzu leicht bekleidete Frauen geht, um Stripperinnen. Feiler chauffierte sie regelmäßig - es war die Rotlicht-Zeit Weidens. Beim Abholen, in den Clubs, habe er viele ehrenwerte Gesichter gesehen, wie sie ihrerseits die Damen betrachteten. "Leck, das ist ja der Soundso", so erzählt Feiler das. Er selbst habe die Frauen dafür ganz privat kennengelernt. "Dann bist du eingeladen worden auf einen Kaffee." Feiler schiebt ein raues Lachen nach. "Und dann bist du halt raufgegangen auf einen Kaffee."

Irgendwie eine große Familie eben. Auch wenn solche Auszeiten mitunter schon mal so lange dauerten, dass Feilers Chef derweil bei der Polizei eine Vermisstenanzeige aufgab. Passé. So wie aus Feilers Sicht im Weidener Nachtleben eh zu viel vorübergegangen ist. Unter der Woche sei gar nichts mehr los. Überhaupt: "Da fehlen ein paar Nacktbars. Weiden ist anständig geworden." Die "gute Zeit", wie er das nennt - vorüber. Dabei sind es ja nicht die Frauengeschichten, die Feiler an seiner Arbeit so mag. Sondern die Leute. Die Frau aus Australien etwa, eine Auswanderin, die in einem Weidner Hotel wohnte und zum jährlichen Treffen zur KZ-Gedenkstätte wollte. Und das Taxi für die Fahrt dorthin schon 12 Monate vorher bestellt hatte. Feiler hat bis heute mit ihr E-Mail-Kontakt.

Während Feiler erzählt, hat sich Jutta Metzger dazugesellt. Sie und ihr Mann haben mit dem 60-Jährigen am Anfang seiner Karriere zusammengearbeitet. Inzwischen ist ihre Tochter Sandra Bernhardt ebenfalls Gesellschafterin bei der Zentrale. Metzger selbst fährt immer noch. Sie sagt, sie komme von den Fahrgästen einfach nicht mehr los. Auch wenn bei ihr die Beziehungen in andere Richtungen als bei Feilers früheren Geschichten gehen. Sie fährt vor allem Patienten, etwa zur Dialyse. Von manchen kenne sie die Krankheitsgeschichten besser als deren eigene Kinder. Und sie leide auch mit, wenn einer von ihnen doch schwächer ist als die Krankheit. Mit dem Fahren "könnte ich aufhören", sagt Metzger. Will sie aber nicht. Auch wenn sie jetzt bald 70 Jahre alt wird. Montag bis Samstag, durchschnittlich 450 Kilometer am Tag. Sie könne nicht anders.

Aufhören? Niemals!

Bei Feiler könnte es ähnlich kommen. "Taxifahren ist halt ein schöner Beruf. Wenn's mir mal nimmer gefällt, hör ich auf", sagt er. "Aber ich glaube, wenn ich gesund bin, fahr ich mit 80 immer noch."
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