Fragile Klanggebilde und halsbrecherische Melodielinien
Henning Sieverts mit „Vibes & Strings“ beim Jazz-Zirkel in Weiden

Vibraphon und Gitarre prägen den Klang von Henning Sieverts Quartett "Vibes & Strings". Dem Jazz-Zirkel bescherte es einen kurzweiligen Abend mit anspruchsvoller Musik. Bild: Reitz

Henning Sieverts, Echo-Preisträger 2010 in der Kategorie "Bester Deutscher Jazzbassist", zählt zu den erfolgreichsten und vielseitigsten Jazzmusikern Deutschlands. Nun gastierte er zum ersten Mal mit einem eigenen Quartett beim Jazz-Zirkel Weiden.

Vor 22 Jahren hatte der Meisterbassist mit der Marty Cook Group seine Premiere in Weiden. Es folgten Auftritte mit dem Joe Kienemann Trio, der Heinrich von Kalnein Group, dem Don Menza Quartett, dem Peter Fulda Trio, Ed Partykas "Volvo Bigband" und erst vor wenigen Wochen mit dem Philipp Stauber Quintett. In all diesen unterschiedlichen Formationen offenbarte Henning Sieverts eine enorme stilistische Bandbreite, die vom swingenden Klaviertrio bis zur energiegeladenen Bigband reicht.

Der Zusammenklang von Vibraphon und Gitarre übt einen eigentümlichen Zauber aus. Die Klänge verschwimmen, vibrieren und beeinflussen sich gegenseitig und sorgen für den unverkennbaren Sound. Anders als beim "Dave Pike Set" haben Bass und Schlagzeug bei "Vibes & Strings" andere Funktionen. Standen bei Dave Pike in erster Linie durchgehende, von der Popmusik beeinflusste Rhythmen im Vordergrund, so haben hier Bass und Schlagzeug alle erdenklichen Freiheiten und legen viel Wert auf Dynamik und Klangkultur. Mit einer Ausnahme stammen alle Kompositionen aus der Feder von Henning Sieverts und haben eher klangmalerischen Charakter, oft in Anlehnung zu Bildern oder Figuren. Titel wie "Großer Urwald", "Baumruine Rainhardswald" oder "Light at Night" schaffen Stimmungen und Gefühle, wobei vor allem die solistischen Qualitäten der Akteure im Mittelpunkt stehen. Da ist der australische Gitarren- Virtuose Peter O'Mara, der schon über 20 Jahre in München lebt. Sein glasklarer Gitarrenklang, sein ausgeprägtes Gefühl für Abläufe und Nuancen dominieren das Geschehen, Passagen mit dem Vibraphon lassen aufhorchen.

Musiker aus New York


Vibraphonist Tim Collins stammt aus New York und lebt ebenfalls seit einigen Jahren in München. Er legt die harmonischen Grundlagen und zeigt sich als virtuoser Solist. Henning Sieverts agiert wie gewohnt als einfühlsamer Begleiter und ideenreicher Improvisator . Er spielt überwiegend in den tiefen Lagen und setzt Techniken wie Flageolett- und Arco- Spiel nur sehr sparsam und geschmackvoll ein. Matthias Gmelin überzeugt durch einfühlsames und gruppendienliches Spiel auf dem Schlagzeug.

Zahlenspielereien


Die Themen der Kompositionen erschließen sich nicht immer beim ersten Hören. Sieverts Vorliebe für Zahlenspielereien verhindern eingängige und unverkennbare Melodien. So hat er bei seiner Komposition "One For Q" Geburts- und Sterbedaten von Helmut Qualtinger verwendet. Dabei werden die Ziffern in musikalische Intervalle übertragen. Die Ergebnisse sind ähnlich wie bei der umstrittenen Zwölftontechnik nicht immer überzeugend.

Da windet sich das Standard "Come Rain Or Come Shine" von Harold Arlen und Johnny Mercer schon eher in die Gehörgänge. Man freut sich, wie die Melodie zerpflückt und immer wieder neu organisiert und interpretiert wird. Das letzte Stück im Konzertprogramm "Kabodaschdr" spielt auf die schwäbische Aussprache des Kapodasters an und liegt ganz in der Tradition des Dave Pike Sets: Ein eingängiges rhythmisches Motiv über dem Gitarre und Vibraphon ausgiebig Raum für lange Improvisationen bleiben .

Als Kontrast dazu die Zugabe "The Right Decision" - Erinnerungen an die Kindertage des Modernen Jazz, als Milt Jackson und John Lewis den wilden Bebop in ruhigere Fahrwasser führten. Ein vergnüglicher Abend auf höchsten musikalischen Niveau.
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