"Frau Müller muss weg" auf der Kulturbühne in Weiden
Elternabend als Tribunal gegen Lehrerin

Die Eltern Jessica Höfel (Andrea Lüdke, links) und Patrick Jeskow (Thomas Martin) klagen die Lehrerin Frau Müller (Claudia Rieschel) an. Bild: Schönberger
Kultur
Weiden in der Oberpfalz
19.04.2016
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Seit Töchterchen Laura schlechte Noten nach Hause bringt, hat ihre ehrgeizige Mutter beschlossen: "Frau Müller muss weg". Die Komödie von Lutz Hübner öffnet den Blick auf das Problemfeld Schule.

Der Vorwurf an die Lehrerin lautet: Die Frau hat keinen pädagogischen Ansatz, versteht die Kinder nicht. Auslöser ist vor allem der Übertritt in eine höhere Schule. Lauras Qualifikation ist gefährdet. Aus diesem Stoff hat Lutz Hübner ein Stück gemacht, wie es das Leben schreibt. Die Komödie, bei der es eigentlich nicht viel zum Lachen gibt, wurde auf der Kulturbühne in der Max-Reger-Halle in Weiden aufgeführt, mit hohem Wiedererkennungswert für das Publikum. Denn: Elternabende gehören zu den merkwürdigsten und bisweilen entlarvenden Ritualen.

Die Mutter Jessica Höfel, fest situiert im Dresdner Tourismusmanagement, hätte gern die Tochter auf ein privates Gymnasium geschickt. Aber: Ausgerechnet jetzt sind die Noten schlecht. Außerdem ist die Zehnjährige bockig und entwickelt sich zu einer unerträglichen Zicke, die der ganzen Familie auf die Nerven fällt. Frau Höfel macht nun die Lehrerin Sabine Müller verantwortlich. Eine für Reformen aufgeschlossene, pflichtbewusste Pädagogin, die allerdings von der Klasse Leistung und Lernbereitschaft verlangt.

Kind ist überfordert


Es ist noch nicht klar, wer von den anderen Eltern mit am Strang zieht, wenn es gegen die Lehrerin geht. Denn die Museumspädagogin und alleinerziehende Mutter Katja Grabowski (gespielt von Iris Boss) hat keinen Grund zur Klage. Ihr Fritz ist Klassenbester. Anders sieht es schon bei dem arbeitslosen Fernmeldetechniker Wolf Heider aus. Seine Janine kommt in der Schule nicht mehr mit. Wolf tut alles für sie, lässt sie an Kursen und Freizeiten teilnehmen, bietet ihr PC-Training und anderes mehr. Das Kind ist übermüdet, überfordert. Die Noten stürzen ab. Aber auch dafür kann Frau Müller eigentlich nichts. Übel sieht es aus bei der Familie Jeskow. Die gebürtige Kölnerin, rheinische Patriotin und gesellig, aktiv im Karneval, kommt mit der Einsamkeit im Osten nicht zurecht, kann keinen Anschluss finden. Sohn Lukas steht unter dem Verdacht, an einer Hyperaktivitäts-Störung zu leiden. Er gilt als Klassenclown, der immer wieder von Frau Müller heruntergebremst werden muss. Marina Jeskow ist der schwache Punkt in einer von Frau Höfel geplanten gemeinsamen Allianz gegen die Pädagogin. Denn sie nutzt die Gelegenheit für eine hoch emotionale Aussprache über ihr privates Problem. Marinas Mann hat nichts zu sagen, bis er sich im Laufe der Auseinandersetzung brutal durchsetzt.

Die Lehrerin geht zum Gegenangriff über. Sie präsentiert der Höfel die von der zehnjährigen Laura gefälschte Entschuldigungen. Frau Jeskow bringt eine angebliche Therapie der Lehrerin ins Spiel. Es stellt sich heraus, dass ihr Lukas da was falsch verstanden hat. Schließlich bleibt der Lehrerin nichts anderes übrig als den Rückzug in ihren beruflichen Status anzutreten: "Ich bin Angestellte des öffentlichen Dienstes und nicht Ihr Dienstmädchen." Sie verlässt die Versammlung.

Nun entladen sich die Ressentiments der fünf Eltern. Aggressionen werden freigesetzt. Wolf Heider versucht, eine alte Beziehung zu Frau Grabowski aufzufrischen. Die Sache wird geschmacklos. Die Defizite der Eltern offenbaren sich. Unterdessen hat man in der Tasche der Lehrerin eine Notenliste gefunden, die Höfel veranlasst, ihre Attacke sofort zu beenden, denn auf dieser Liste hat Laura gute Noten.

Eltern sind unfähig


Als die Lehrerin wiederkommt, verkündet sie, dass sie die Klasse aufgeben will, was nun zu einer Solidarisierung der Eltern führt. Es stellt sich dann heraus, dass Frau Müller die Notenliste des letzten Jahres eingepackt hat. So endet der Elternabend sozusagen im Sande und in der Erkenntnis, dass man außer eigener Defizite nichts zum Thema beitragen konnte.

Die Dialoge sind, das liegt in der Natur der Sache, natürlich aggressiv, strotzen von Verbalinjurien und offenbaren einmal mehr die Unfähigkeit, sich mit dem Problem Schule sachlich auseinander zu setzen. Stattdessen umkreist man weiterhin eingriffsbereit die Kleinen und beraubt sie der aufregenden Erlebnisse auf dem Weg zur Selbstständigkeit.
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