Frühlingserwachen bei Kleinstadtidylle und HB-Männchen
Ausstellung beim Kunstverein Weiden

Wolfgang Herzer (links) präsentiert bei der Frühlings-Vernissage Werke des Künstlerduos Annette Reichardt & Stewens Ragone (2. von links und rechts) sowie von Holger Lehfeld (2 von rechts). Bild: ubb
Kultur
Weiden in der Oberpfalz
18.04.2016
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Zufallsbegegnung oder Ergebnis einer sorgfältigen Auswahl dreier Künstler, die gewiss nicht zusammenpassen und genau deshalb harmonieren? Wolfgang Herzer hat das Frühlingserwachen des Kunstvereins Weiden gut geplant. Bei der Vernissage am Freitag Abend konnte er Malerei aus Nürnberg und Köln präsentieren, die sich ganz ohne einen gemeinsamen Nenner bestens ergänzt. Das Kölner Duo Stewens Ragone und Annette Reichardt malt seit 13 Jahren fifty-fifty, jedes Werk trägt eine doppelte Handschrift. Daran sei nichts Außergewöhnliches, meint Stewens Ragone, das habe es in der Malerei schon immer gegeben. Dennoch erstaunt diese Genialität. Vergeblich sucht der Betrachter nach einem andersgearteten Pinselstrich, der verrät, wer von beiden was wann wo auf die Leinwand gebracht hat. Dabei hält die Spannung das Künstlerpaar selbst gefangen. Jeder sei immer wieder aufs Neue überrascht von der Arbeit des anderen, bestätigen beide. Ausdrucksstärke steht hier für gebündelte Kräfte zweier kreativer Köpfe. Wolfgang Herzer bezeichnet den Bildzusammenhang der Reichardt-Ragone-Schöpfungen als vielschichtig. "Die soziokulturelle Ikonographie der Nachkriegs- und Wirtschaftswunderzeit wird hier zum künstlerischen Rohstoff", so Herzer. Tatsächlich findet der Betrachter "seine" Idole und Werbe-Ikonen in den Werken wieder und freut sich. Vorausgesetzt, er hat die entsprechenden Lebensjahre des Erinnerns erreicht. Beim Sich-Verlieren in der Erinnerung an Zigarettenwerbung, Blechplakate und HB-Männchen führt der Weg des Kunstgenießers unweigerlich zu Holger Lehfelds Kleinstadtidylle, bestens platziert zwischen den Wirtschaftswunder-Ikonen. Hier wohnen sie also, die Short People, die kleinen Leute. Über den adrett-geklonten Häusern lässt Lehfeld das Helle des Himmels blitzsauber erscheinen. Nein, nicht immer. Er kann auch die blaue Stunde bei erleuchteten Fenstern. Herzer: "Das große Gefühl wird in Lehfelds Bildern auf die Zeitlosigkeit einer heilen Welt herab gedimmt." Zwei heile Welten also, die drei Künstler mit sich herumtragen. Individuelle Gedankenwelten schaffen individuelle Pinselstriche: Wie und ob diese am Ende harmoniert, bleibt der eigenen Gedankenwelt des Betrachters überlassen. Kochlöffel, Milchkanne, Dreirad, Blechspielzeug machen Lehfelds blaue Häuserzeilen, die völlig ohne Menschen existieren, lebendig. Wird die gegenständliche Kunst des Ragone-Reichardt-Duos gedanklich hinter Lehfelds einsame Fenster platziert, perfektioniert sich das Kleinbürgertum.

Fazit: Das Frühlingserwachen des Kunstvereins Weiden ist spannungsgeladen und darf gerne länger betrachtet werden. Geöffnet ist jeden Sonntag von 14 bis 18 Uhr, nach telefonischer Vereinbarung und nach Absprache im Café Linda Donnerstag bis Samstag von 20 bis 23 Uhr.
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