Gänsehaut schon vor der Pause
Pianist Leon Gurvitch in der Max-Reger-Halle

Der Wahl-Hamburger Leon Gurvitch (am Flügel) und das Warschauer "Atom String Quartett" begeisterten das Publikum mit seinem "Sound of Jerusalem". Bild: Kunz

Soeben hat Leon Gurvitch dem Steinway-Flügel den letzten Moll-Ton abgerungen, die musikalische Tiefe seiner "Heiligkeit" verlassen. Noch ist keine Pause. Trotzdem ist schon Gänsehaut-Zeit.

Und der Beifall will gar nicht enden. Eine mitreißende, eine sorgenvolle Komposition über die Schoah, ausgehend vom 9. November 1938, der Reichspogromnacht.

Das Leid der jüdischen Mitmenschen beschreibend, sachte von einem einsamen, weinenden Violoncello begleitet, gelingt es dem Künstler aus Weißrussland den Holocaust fühlbar, spürbar zu machen. "Leon Gurvitch & Atom String Quartett" gastierten am Sonntagabend bei der Jüdischen Gemeinde in der Max-Reger-Halle.

Auch Jazz-Pianist


Gurvitch gastierte vor sechs Jahren bereits schon einmal in der Max-Reger-Stadt. Er ist Pianist, Komponist, Dirigent und Bandleader. Er schreibt und spielt Musik, die ihre Wurzeln in der Klassik hat und sich aus vielen Quellen speist. Von der russischen Folklore über Einflüsse aus der orientalischen Musik und Lateinamerikanisches bis zum Klezmer. Er vertonte Gedichte zu Orchesterkompositionen, schreibt Solistisches und Chorstücke.

Dazu ist er leidenschaftlicher Jazz-Pianist, was er auch in Weiden beweist. Allerdings sind ihm Stil-Schubladen zu eng. Er improvisiert, ist stets für Überraschungen bereit. Seine Auftritte sind von großer Leidenschaft geprägt, wenn er zum Klavier auch noch Melodica spielt, vom Hocker springt und seine Streicher zur Höchstform führt.

Die Gefühlsausbrüche Gurvitchs und seiner atomaren Stringer erlebt das Publikum bereits beim Eröffnungsstück, dem temperamentvollen "Satmar Wedding Mitzva Dance". Wilde Phrasierungen. Blitzschnelles Saitenspiel, besonders von Dawid Lubowicz auf seiner Violine. Es macht Spaß, der Truppe zuzuhören: Mateusz Smoczynski (Viioline), dem großgewachsenen Michal Zaborski (Viola) und Krzysztof Lenczowski am Violoncello.

Begleiter aus Warschau


Das Atom String Quartett kommt aus Warschau und begleitet den quirligen Pianisten bei seinen "Sounds of Jerusalem" hingebungsvoll. Mit seinem in Hamburg komponierten "Eldorado" spiegelt der Tonsetzer südamerikanische und osteuropäische Einflüsse wider. Zu Gehör kommen Volksmusik aus dem 19. Jahrhundert, vertonte Gebete und viele Melodien, die Gurvitch in allen Himmelsrichtungen aufgesammelt hat.

Extra fürs Weihnachtsgeschäft hat der Protagonist einige Exemplare aus seiner CD-Sammlung mitgebracht. Der 1979 in Minsk geborene Pianist lernte als Kind Geige, Klavier und Oboe und wurde an der Musikhochschule als Dirigent ausgebildet. Anschließend studierte er an der Hamburger Musikhochschule und lebt dort mit seiner Familie seit 2001.
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