Geigerin Viktoria Mullova begeistert mit außergewöhnlichem Soloabend bei den "Weidener ...
Virtuos und mit bezwingender Souveränität

Eine außergewöhnlichen Konzertabend bot die russische Geigerin Viktoria Mullova bei den "Weidener Meisterkonzerten" am Freitag in der Max-Reger-Halle Bild: Kunz
Kammermusik für Violine solo. Auf dem Programm ein nicht alltägliches Cross-over von Bach und Moderne. Und das ganz ohne Pause. Ein paar Sekunden hat es schon gedauert, bis der Schlussapplaus einsetzte. Dann aber umso gewaltiger. Mit Bravo-Rufen und Fußgetrappel bedankte sich das Weidener Publikum für ein außergewöhnliches Konzerterlebnis, das am Ende ohne die obligatorische Zugabe bleiblt.

Musikalische Integrität

Auch in diesem Punkt zeigtesich Viktoria Mullova konsequent. Eine beliebige Dreingabe hätte einfach nicht gepasst, eine gefällige Virtuosennummer gleich gar nicht. Das passt nicht ins Bild einer Künstlerin, die es sich nicht bequem macht im klassischen Musikbetrieb. Anstatt die publikumsgängigen Programme zu bedienen, setzt die russische Geigerin auf das, was man wohl am besten mit musikalischer Integrität umschreiben könnte.

Ein umgangssprachlich übersetztes "G'scheit oder gar nicht". Und ein "g'scheiter Bach", das bedeutet für Viktoria Mullova ein Bach im Originalklang. Nach ersten Erfahrungen mit historischer Aufführungspraxis hat sie sich ohne Zögern von ihrem "russisch"-klangsatten Bachspiel verabschiedet und ist auch auf ihren Weg hin zum historisch informierten Bach nicht auf halber Strecke stehen geblieben. Wenn Bach, dann mit Barockbogen und Darmsaiten.

Dafür steht ihr eine Guadagini-Geige zur Verfügung, in deren Klang man sich an diesem Abend sofort verliebt. Warm, schlank und tragfähig. Gespielt von einer Violinvirtuosin, deren makellose Technik Bedenken gegen den Darmsaitenton schnell vergessen macht. Sauber artikulierend und mit feinnerviger Musikalität gestaltet Mullova die Sätze aus Partiten (h-Moll, d-Moll) und Sonaten (C-Dur, g-Moll) von Bach. Berührend die Momente leiser Innerlichkeit. Mitreißend, wenn sie sich mit barockem Furor in den Allegro-Satz der C-Dur Sonate stürzt. Dabei ist Mullovas Spiel weit entfernt von der virtuosen Extrovertiertheit "Alter-Musik-Derwische". Im Gegenteil, es braucht schon ein bisschen Zeit, um sich auf ihr unspektakuläres Spiel und Auftreten einzulassen. Umso beeindruckender dann ihre ruhige Souveränität und unaufdringliche Präsenz, mit der sie das Publikum durch den pausenlosen Abend führt. Eine bezwingende Souveränität, die auch der Violinsonate von Sergei Prokofjew, den "Three Miniatures" von George Benjamin und Zeitgenössischem aus Japan (Dai Fujikura: "line by line", 2013) zugutekam. Denn bei aller Liebe zu Bach und Alter Musik, gibt es doch auch Mullova, die Neugierige, die Aufgeschlossene, immer zu haben, wenn es um Grenzüberschreitungen geht.

An diesem Abend setzt sie auf das Cross-over von Alter Musik und Moderne, befreit Bach aus dem historischen Kontext, um ihn als Zeitlosen neben Musik des 20. und 21. Jahrhunderts zu stellen. Da gibt es die eine oder andere neue Hörerfahrung, vor allem bei den "Three Miniatures" (2001) des Briten George Benjamin. Spieltechnisch anspruchsvoll und reich an wirkungsvollen Klangeffekten. So im dritten Satz, wenn pizzicati der linken Hand die mit Bogen gespielte Melodie begleiten.

Zeitlose Schönheit

Aber auch mit der "modernen" Stradivari ist Mullova nicht auf effekthascherische Gesten aus. Mit derselben Präzision und Klarsicht, mit der sie die Strukturen bei Bach erschließt, erleichtert sie auch hier den Zugang zu Neuer Musik. Am Ende des Abends die berühmte Chaconne d-Moll. Mullovas Reverenz an Bach, die sie dem Publikum als das präsentierte, was es ist: ein Werk von zeitloser Schönheit, dessen bezwingender Eigenwirkung man nichts hinzufügen muss.
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