Gemeinsam statt einsam

Symbolbild: dpa
Kultur
Weiden in der Oberpfalz
05.12.2014
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Ein Single bleibt selten allein. Zumindest, wenn er ein wenig kontaktfreudig ist und einmal beim Weidener Single-Stammtisch vorbeischaut. Fünf Jahre gibt es die Treffen inzwischen, die Alleinstehenden vieles bieten. Nur das nicht, was man vielleicht auf den ersten Blick erwarten würde.

So gesehen ist Maria eine Enttäuschung. Intelligent, alles andere als unansehnlich, anspruchsvoller Beruf. Wer also erwartet, dass zu einem Stammtisch für Singles Menschen gehen, die ja ganz offensichtlich alleinstehend sein müssten, den enttäuscht die 33-Jährige. Robert, der neben ihr sitzt, will auch nicht so recht solche Klischees erfüllen. 45 Jahre ist er alt, offen, freundlich, Lächeln um die Augen. Und das ist es auch, was die beiden immer wieder betonen, wenn sie über ihren Weidener "Ü30-Single-Stammtisch" sprechen: Der "ist kein Übriggebliebenen-Treff", nichts, wo es nur um Verbitterung und Enttäuschung geht. Sondern "fröhlich" und "lärmend", eine Gelegenheit, "einfach zu reden" oder "Freunde kennenzulernen" und etwas für die Freizeit zu planen.

Spontane Idee

2009 gab es das erste Treffen dieser Art in Weiden. Erst war es die spontane Idee, mit neuen Leuten, anderen Singles ins Gespräch zu kommen. Nun, zum kleinen fünfjährigen Jubiläum, sind von damals keine mehr dabei. Manche haben ihre Traumpartner getroffen. Manche sind anderswohin gezogen. Der Stammtisch blieb. Alle zwei Wochenenden kommen die Singles in verschiedenen Wirtshäusern in Weiden zusammen. Durchschnittlich sitzen 25 bis 30 Leute an den Tischen, viele aus Weiden und der näheren Umgebung. Einige kommen aber auch von weiter her. Früher brachten manche auch ihre Kinder mit. Ein paar sind schon lange dabei, ein paar kommen nur kurz und sind dann wieder liiert. Und ein paar kommen nach einiger Zeit wieder.

Jeder, wie er will. Überhaupt: Eine Vereinsstruktur, Hierarchien, all das gibt es nicht. Die Organisation erledigt einer ehrenamtlich. Im Moment übernimmt Robert diese Aufgabe. Auch Mitgliedsbeiträge fehlen. Einzig, wer nach ein paarmal Reinschnuppern regelmäßig kommen will, sollte einen kleinen Obolus entrichten. Mit dem Geld schaltet der Stammtisch regelmäßig Inserate, um neue Gesprächspartner zu gewinnen.

Sorgen vor Vorurteilen

Wo genau das nächste Treffen ist, bleibt in den Anzeigen erst einmal unterm Tisch. Der Grund: Manche machen sich Sorgen, schief angeschaut zu werden. Und das, obwohl Singles nun wirklich keine Seltenheit sind. Allein beim Stammtisch, schätzt Robert, waren im Lauf der Jahre "bestimmt 220, 230 Leute". Aber für manche habe so etwas nunmal noch immer einen negativen Beiklang, sagt Robert. Seltsam, denn "ein Riesenbedarf wäre ja da. Aber viele haben Berührungsängste".

Wer sich davon aber nicht schrecken lässt, braucht eigentlich nur noch ein bisschen Mut. Denn natürlich traut sich nicht jeder, zu wildfremden Leuten an einen Stammtisch zu gehen. "Ich war am Anfang auch schüchtern", sagt zum Beispiel Robert. Die Aufnahme sei aber immer herzlich. "Ausgegrenzt wird keiner." Eine Gemeinsamkeit, das Single-Dasein, ist ja immer da.

Es gibt gute Gründe, als Single mit anderen Singles in der Freizeit etwas zu machen, sagt Maria. Etwa nach einer Trennung. "Da bricht oft der Freundeskreis auseinander." Und wenn er doch bleibt, sind die Freunde nur allzu oft liiert. "Dann fühlt man sich als das fünfte Rad am Wagen." Wegen solcher Dinge bleiben manche Alleinstehende unfreiwillig zu Hause, während die anderen fortgehen. "Es gibt viele, die wollen einfach mal raus, so wie ich nach der Scheidung", erzählt Robert. Bei ihm führte der Weg zum Stammtisch.

Wie bei den verschiedensten übrigen Leuten auch. "Vom Arbeiter bis zum Beamten ist alles dabei. Weil: Single sind ja alle", wie Robert sagt. Auch ein paar Ehemalige kommen weiter, selbst wenn sie schon liiert sind. Sie bringen dann halt ihre Partner einfach mit. Die Teilnehmer sind in der Regel zwischen 30 und 50 Jahre alt. Aber: Auch wenn sie sich "Ü30" nennen, starr ist die Altersgrenze nicht. Bloß haben jüngere Semester offenbar keine so rechte Lust auf Stammtisch.

Beste Freunde

Die 33-jährige Maria kann das nicht verstehen. "Ich habe da meine besten Freunde kennengelernt", sagt sie. Der eigentliche Grund, warum sie mal dazugekommen ist - nämlich neue Bekanntschaften schließen -, hat sich damit erledigt. Sie bleibt aber weiter dabei: "Ich möchte das nicht mehr missen."

Ohnehin ist der Stammtisch "meine Anlaufstelle". Wenn sie mal eine Radtour plant oder einen Ausflug zum Gäubodenfest, zum Beispiel. Robert schickt dann eine Rundmail an alle - wer will, meldet sich, und los geht's. Früher organisierte der Stammtisch auch mal einen Flirt-Kurs. Für Maria sind es aber nicht nur solche Aktivitäten. Wenn sie durch die Stadt, auf Feste geht, erzählt sie, trifft sie eigentlich immer jemanden vom Stammtisch, mit dem sie dann einen Kaffee trinken, ratschen kann.

Der Stammtisch ist eben vieles - nur eines nicht: "Er ist keine Partnerbörse." Das sollte kein Neuer verwechseln, betonen Maria und Robert. Klar, manche Mitglieder haben sich über den Treff kennen- und lieben gelernt. Aber zur Kuppelei nutzt ihn bewusst keiner. So wie sich die Gespräche auch nur selten um eine Trennung oder das Alleinsein drehen. So richtig passen würde das am Stammtisch ja sowieso nicht. Allein ist da jedenfalls keiner.
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