Großes Kino auf der Theaterbühne

Götz Otto (links) als Herzog von York und Steffen Wink als Sprachlehrer Lionel Logue überzeugten mit viel Humor und Emotion. Bild: Helmut Kunz

Die Verfilmung von "The King's Speech" - mit vier Oscars prämiert - als Messlatte: Das Ensemble der Kempf-Theatergastspiele bewältigte diese Hürde meisterhaft. Das Stück über den Stotterer George VI. ist eine Inszenierung aus einem Guss, mit zwei überragenden Hauptdarstellern.

Mehr als 180 mal waren Götz Otto als Herzog von York und Steffen Wink als Lionel Logue gemeinsam in "The King's Speech" auf der Bühne. Seit Mittwochabend weiß auch das leider nicht sehr zahlreich erschienene Weidener Publikum in der Max-Reger-Halle, warum das Duo bundesweit gefeiert wird. Der große britische Adelige und der kleine Sprachlehrer aus Australien harmonieren auf Augenhöhe. Die 2013 mit dem Inthega-Preis ausgezeichnete Produktion nach einem Schauspiel von David Seidler ist lustig, tragisch, berührend - wunderbar. Götz Otto, vor allem als Gegenspieler von Pierce Brosnan in "James Bond 007 - Der Morgen stirbt nie" bekannt, überzeichnet die Figur des späteren Königs George VI. nie.

Das Publikum leidet bei den Stotter-Attacken mit. Die Häme wird seinem lebenslustigen Bruder David und seinem Vater George V. überlassen. So hänselt David: "Hitler zieht mit seinen Reden Millionen in den Bann. Der Herzog von York kann dagegen nicht einmal unfallfrei Fish and Chips bestellen." Völlig klar, die Sympathie gehört dem Schwachen, der am Buckingham Palace vom Links- zum Rechtshänder getrimmt wird und dessen X-Beine mit Metallschienen gerade gebogen werden.

Klopapier in der Hose

Götz Otto verkrampft beim Sprechen auf der Bühne auch körperlich. Seine Finger sind gebogen, sein Blick starr. Zwei Stunden unter höchster Körperspannung. Das glatte Gegenteil des jovialen Steffen Wink. Als Sprachlehrer tänzelt der über die Bühne, immer ein wenig durch den Wind. Mal hängt ihm Klopapier aus der Hose, mal irritiert ein Loch im Socken. Dieser liebenswerte Luftikus, der eigentlich ein großer Schauspieler werden will, aber beim Vorsprechen regelmäßig versagt.

Lionel Logue bekommt die schier unlösbare Aufgabe, aus dem Herzog von York, den seine Familie Bertie nennt, einen königlichen Redner zu formen. Der sprachlose Adelige zieht zunächst nicht mit. Als sein Bruder David als König Edward VIII. wegen amouröser Verwirrungen aber nach nur einem halben Jahr abdankt, bleibt ihm keine andere Wahl. "Das ist der Ort der Hinrichtung", jammert Bertie, als er vorm Thron steht.

Götz Otto und Steffen Wink dominieren, aber auch der Rest des Ensembles überzeugt. Allen voran Marcus Widmann, der David völlig unsympathisch auftreten lässt. Daniela Kiefer gefällt als ebenso aristokratisch-steife wie später menschelnde Herzogin von York, Mona Perfler gibt Lionels Frau Myrtle glaubhaft eine bodenständige Note.

Das Bühnenbild ist schlicht gehalten, erfüllt aber unauffällig seinen Zweck. Grauweiße Schiebetüren ermöglichen den Schauspielern zwischen den Schauplätzen hin- und herzuspringen, es gibt keine Atempause. Mit wenigen Toneffekten und einer Original-Rede von Adolf Hitler wird der Spannungsbogen perfekt aufrecht erhalten.

Klare Worte am Schluss

Gespannte Ruhe herrscht in der Schlussszene, als George VI. vor das Mikrofon tritt. Lionel souffliert und gestikuliert im Hintergrund. Per Radio-Ansprache appelliert der Regent an den Zusammenhalt des Vereinigten Königreiches. Er erklärt Deutschland nach dem Angriff auf Polen am 3. September 1939 den Krieg. Kein Gestottere, klare Worte. George VI. und Lionel umarmen sich. Es gibt viel Applaus der knapp 300 Zuschauer. Sie haben ganz großes Kino in der Weidener Max-Reger-Halle gesehen.
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