Gruppentherapie im Fahrstuhl

Die Komödie am Kurfürstendamm mit Andrea Lüdke (von links), Konstantin Graudus, Marek Erhardt und Saskia Valencia zeigte in der Max-Reger-Halle das Stück "Vier nach Vierzig". Das Aufeinanderprallen vier völlig unterschiedlicher Charaktere sorgte für allerlei Komik. Bild: Kreutzer

Zwei Frauen und zwei Männer, alle um die Vierzig, eingeschlossen in einem Fahrstuhl. Dies ist die Ausgangssituation für die Komödie "Vier nach Vierzig". Ein Tummelplatz für allzu Menschliches und eine Menge Fantasie.

Zwischen dem 40. und 41. Stockwerk eines Bürohauses bleibt irgendwo in Deutschland ein Lift stecken. Eingeschlossen in der engen Kabine sind zwei Frauen und zwei Männer, die unterschiedlicher nicht sein können. Gemeinsam haben sie nur eines: Sie sind allesamt knapp um die Vierzig.

Das ist doch mal ein Stoff, der Fantasie freisetzt, klassische Ausgangssituation für eine Komödie allemal, Tummelplatz für allzu Menschliches. Die Komödie am Kürfürstendamm war am Montagabend mit dieser Geschichte, die Fritz Schindlecker schrieb, Gast der Weidener Kulturbühne in der Max-Reger-Halle.

Fahrstuhlgeschichten haben etwas beängstigendes, sollte man meinen. Hier scheint das ganz anders zu sein. Die vom Zufall zwangsweise zusammengeführte Gruppe tat sich in anderer Weise etwas schwer mit der Situation zwischen Himmel und Erde sozusagen: Da prallten vier Charaktere aufeinander, die sich im sogenannten Leben wahrscheinlich nicht aufeinander eingelassen hätten.

Und nun teilen sie hilflos für eineinhalb Stunden Echtzeit zwölf Quadratmeter. Dass es ausgerechnet der vierzigste Stock ist und die eingeschlossenen all um die vierzig Jahre alt sind, macht diese vierzig zur magischen Zahl des Erlebnisses.

Kein Entkommen

Vierzig - was heißt das schon? Man ist noch jung genug um gegebenenfalls als attraktiv gelten zu können, was besonders den Frauen wichtig ist. Den Männern natürlich auch, wenn es sich um einen Kerl wie den Versicherungsvertreter Gilbert handelt, der sofort nach seinem Eintritt in die Szene noch vor dem Pech mit dem Aufzug die beiden Frauen mit den Augen regelrecht abtastet, eine Situation, der die Damen nicht entkommen können. Vor allem die Anwältin Elvira Tempsley, die mit kühler Noblesse von Saskia Valencia gespielt wird, reagiert kalt ablehnend, aber noch erstaunlich souverän.

Überhaupt ist dieser Gilbert, den Darsteller Marek Erhardt mit geradezu traumwandlerischer Sicherheit und Präsenz ausstattet, ein häufiger anzutreffendes Exemplar Mann, das hemmungslos alle Umgangsformen in den Mülleimer wirft. Seine Versuche, der zwangsweise zusammengeführten Gruppe Versicherungen anzudrehen, scheitern, obwohl Gilbert bei der lebenslustigen, kontaktfreudigen Petra, die von Andrea Lüdke dargestellt wird, beinahe zum Zuge gekommen wäre.

Dafür hat er in dem Studienrat Wolfgang A. Binder, eine Paraderolle für Konstantin Graudus, einen ernst zu nehmenden Widersacher, der ihm auch verbal gewachsen scheint. Man hat im übrigen nicht den Eindruck, dass die Vier etwa unter Stress stehen. Sie sind, der Gruppendynamik gehorsam folgend, irgendwie gut aufgeräumt, wissen sich zu wehren, wenn es notwendig ist, und versuchen mit der Situation fertig zu werden.

Petra und der Studienrat unternehmen den Versuch, die Decke zu öffnen und eventuell so einen Ausgang zu finden, was natürlich schief geht, aber immerhin. Unterdessen zieht sich die Anwältin, die sich dem Treiben um sie herum zu entziehen versucht, in ein autogenes Training zurück, weil sie so am ehesten den teilweise recht unverschämten Attacken des Versicherungsmannes entgehen kann.

Liebesbekenntnis

Es bleibt nicht aus, dass das Stück, in dem der Kabarettist und Schauspieler Jochen Busse Regie führte, Klischees bedient. Der Versicherungsmensch ist in dieser Komödie ein unerträglicher Gernegroß, die Anwältin eine reichlich unterkühlte intelligente Vertreterin ihres Geschlechts, die lebenslustige Petra das Gegenteil davon und der Studienrat eben behaftet mit pädagogischen bis moralischen Anwandlungen. Er ist aber immer noch sympathisch genug, dass Petra sein überraschendes Liebesbekenntnis positiv beantwortet.

Fest steht, dass das gemeinsame Erlebnis in schwindelnder Höhe die Gruppe nicht zusammengeführt hat. Sie haben sich zwar kennen gelernt, aber gelernt haben sie nichts. Das Publikum honorierte das engagierte, schöne Spiel der vier Darsteller mit reichlich Beifall.
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