Halsbrecherische Tonkaskaden

"Modern Gypsy Jazz" im Bistrot Paris: Gitarren-Legende Biréli Lagrène (links) erweiterte das Jermaine-Landsberger-Trio zum Quartett. Weiden war Endstation einer gemeinsamen Tournee. Bild: Reitz

Das Wunderkind Biréli Lagrène ist in die Jahre gekommen: Als 14-Jähriger startete er beim Jazz-Festival in Frankfurt seine Karriere als legitimer Nachfolger von Django Reinhardt. 35 Jahre später beschert er dem Weidener Jazz-Zirkel mit dem Jermaine-Landsberger-Trio ein volles Haus.

Sein Image als Wunderkind hat er mittlerweile abgestreift, aber noch immer steht die Musik von Django Reinhardt im Mittelpunkt. Allerdings hat sich Biréli Lagrène immer mehr dem modernen Jazz verschrieben. Die akustische Gitarre wurde gegen eine elektrische ausgewechselt, die herkömmliche Rhythmusgruppe des Sinti-Swings durch eine moderne Jazzcombo ersetzt. Der in Nürnberg ansässige Pianist Jermaine Landsberger kennt Lagrène seit 17 Jahren. Immer wieder stehen sie gemeinsam auf der Bühne. Auch er kennt die Musik von Django Reinhardt in- und auswendig und auch er wollte die Musik nicht nur kopieren, sondern weiterentwickeln. Als "Modern Gypsy Jazz" bezeichnet er die Klänge. Das Konzert am Samstag im Bistrot Paris in Weiden stand am Ende einer gemeinsamen Tournee durch Deutschland.

Überschäumende Spiellaune

"Douce Ambiance" von Django Reinhardt eröffnet den Abend, und schon jetzt wird deutlich, dass hier die gesamte Tradition des Modern-Jazz mitschwingt. Wes Montgomerys Oktavtechnik, Kenny Burrells bluesgetränktes Spiel, Barney Kessels raffinierte Akkordfolgen treffen auf rasende Melodie-Linien wie sie im Gypsy-Jazz üblich sind. Mit überschäumender Spiellaune überbieten sich Lagrène und Landsberger gegenseitig - Musik als hitziger Dialog. Der Münchener Schlagzeuger Guido May erweist sich als kongenialer Begleiter. Er reagiert auf jede Nuance, setzt Akzente, steigert den Ablauf durch Zwischenspiele und Einwürfe. Joel Locher am Kontrabass sorgt für den Zusammenhalt und erweist sich auch solistisch als einfallsreicher und dynamischer Musiker.

Neben den Klassikern von Django Reinhardt stehen natürlich auch Stücke aus der eigenen Feder auf dem Programm, das aus dem Augenblick heraus entsteht. Lagrènes Komposition "Made in France" ist dem französischen Musette-Walzer verpflichtet, während Landsbergers eigene Werke eher in Richtung Latin- und Soul-Jazz tendieren.

Höhepunkt des Abends ist aber "Nuages", Reinhardts geniale Melodie, die in keinem Konzert fehlen darf. In einer eigenwilligen Einleitung mit Flageolett-Klängen und raffinierter Harmonik führt Lagrène zum Thema, das immer wieder unter die Haut geht. Dezent begleitet von Bass und Schlagzeug steigert sich der Dialog von Gitarre und Klavier. Das Publikum ist begeistert. Kaum wiederzuerkennen ist dagegen Djangos "Mélodie au Crépuscule" im Gewand der amerikanischen Fusion-Musik. Hier greift Landsberger zum elektrischen Keyboard - Lee Ritenour und George Benson lassen grüßen. Antonio Carlos Jobims Klassiker "Wave" beginnt im relaxten Shuffle-Rhythmus und endet mit furiosem Powerplay des Trios. Wieder einmal zeigt sich Guido May als erstklassiger Solist auf seinen Trommeln. Natürlich findet auch der Blues seinen Platz im Konzert und Lagrène erweist sich als souliger, ausdrucksstarker Interpret mit viel Gefühl für Melodien, aber auch als virtuoser Techniker mit atemberaubender Fingerfertigkeit.

Entspannende Zugabe

Wohl in keinem anderen Konzert werden mehr Noten innerhalb so kurzer Zeit gespielt, wie an diesem Abend. Das Finale mit einer Komposition von Hono Winterstein steigert das Tempo noch. Die Zugabe "All of me" sorgt für Entspannung. In einer swingenden Version lässt Lagrène Klassiker wie Duke Ellingtons "Take the A-Train" anklingen, eine willkommene Abwechslung zur "Tour de Force", untermalt von einem soliden Bass und dezenten Besen.
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