Heiße Rhythmen im kalten November

Für einen Publikumsansturm im Weidener "Bistrot Paris" sorgte die aus Brasilien stammende Sängerin Viviane De Farias zusammen mit dem Quartett "Morello & Barth". Der Abend war eine Melange aus Bossa Nova und Jazz auf höchstem Niveau. Bild: Reitz

Eine klassisch ausgebildete Sängerin aus Brasilien, ein bayerischer Jazzgitarrist mit brasilianischem Namen, ein dänischer Flötist und Saxofonist sowie eine gut eingespielte Rhythmusgruppe mit Schlagzeug und Bass entführen in Weiden an die Copacabana.

Mit Stan Getz und Astrud Gilberto rückten in den 60er Jahren brasilianische Rhythmen ins Blickfeld der Jazz-Gemeinde. Bossa Nova und Samba wurden zur Mode und bereicherten die Szene. Gitarristen wie Charlie Byrd, Baden Powell, Joao Gilberto, aber auch Mongo Santamaria mit seinen Congas oder der Flötist Herbie Mann bereicherten Bebop, Hardbop und Blues.

Großes Publikum

Die Kompositionen von Antonio Carlos Jobim schlichen sich ins Jazz-Repertoire und wurden auch von Altmeistern wie Dizzy Gillespie oder Ella Fitzgerald gerne gespielt und gesungen. Beim Jazz-Zirkel Weiden spielten Viviane de Farias mit Morello & Barth vor einem großen Publikum. Der Gitarrist Paulo Morello ist ein Wanderer zwischen allen Stilen. Er gastierte schon mehrmals in der Max-Reger-Stadt. Mit Bob Mintzer und der Gruppe "Hammond Eggs" spielt er kochenden Souljazz, innerhalb der Gruppe "Night of Jazz Guitars" präsentiert er sich als Vertreter des modernen Mainstream, und mit Sängerin Viviane De Farias kann er seine Affinität zur brasilianischen Musik voll auskosten.

Ein Überraschungsgast

Gleich zu Anfang gibt es eine Überraschung: Dr. Reinhard Roth, der Vorsitzende des Jazz-Zirkels, gibt bekannt, dass der Verein jetzt auch über einen eigenen Flügel verfügt, und Jermaine Landsberger, von dem das Instrument stammt, setzt sich auch gleich an den Flügel und gibt zusammen mit dem Quartett eine feurige Kostprobe der Neuerwerbung.

Paulo Morello setzt auf den klaren, unverfremdeten Klang der Elektrogitarre und verzichtet auf Effektgeräte und technischen Firlefanz. Wie selbstverständlich fließen in seine Improvisationen Vorbilder wie Wes Montgomery oder Kenny Burrell ein, aber auch die brasilianischen Rhythmen klingen authentisch und überzeugend. Sein Partner Kim Barth fasziniert mit einer luftigen, akzentuierten Spielweise auf der Querflöte und erzeugt angenehme Stimmungen und entspannte Atmosphäre. Auf dem Altsaxofon steuert er betont jazzige Klänge bei. Als zuverlässiger und kompetenter Begleiter erweist sich Sven Faller mit seiner sechssaitigen Bassgitarre. Mauro Martins am Schlagzeug ist ein Meister der Dynamik. Mal dezent mit Besen und Becken, dann wieder kraftvoll und treibend agiert er ausgesprochen musikalisch und einfühlsam.

Viviane De Farias, geboren in Rio de Janeiro, ist in Ipanema, der Wiege der Bossa Nova, aufgewachsen. Die charismatische Sängerin versteht es, ihr Publikum mit kleinen Geschichten auf die Lieder optimal einzustimmen und fesselt die Zuhörer mit ihrer ausdrucksvollen Stimme und Bühnenpräsenz. Mal betont lässig und relaxt, dann wieder emotional aufwühlend und expressiv intoniert sie bekannte Lieder aus ihrer Heimat in jazzigen Arrangements von Morello & Barth.

Ein musikalischer Höhepunkt des Abends ist "Ginga Carioca" von Hermeto Pascoal. Mit luftiger Perkussion und Scatgesang als Einleitung entwickelt sich ein mitreißendes Stück, bei dem Morellos Gitarrensolo an den frühen George Benson erinnert. Jahreszeitlich bedingt stehen diesmal auch einige "Weihnachtslieder" aus Brasilien im Repertoire. Lieder, die von der Geburt Christi oder den Wünschen für das neue Jahr erzählen. Der Jazz-Walzer "Um novo dia" von Marcos Valle wird jedes Jahr im Dezember in ganz Brasilien gesungen. "Anspruchsvoll, elegant und gleichzeitig einfach und populär" - so kündigt die Sängerin die Komposition an, und Kim Barths quirliges Saxofon sowie Morellos von Wes Montgomery inspirierte Gitarre eröffnen neue Dimensionen.

Zum Mitsingen

Bei "Feliz Navidad", einer entspannt dahinswingenden Bossa, darf auch das Publikum den Refrain auf Englisch mitsingen: "I wanna wish you a merry Christmas". "Um novo tempo", ein Lied, geschrieben während der Militärdiktatur als Protestsong und verkleidete Neujahrsbotschaft, setzt den Schlusspunkt, wobei natürlich eine mitreißende Zugabe nicht fehlen darf.

Ein Abend mit eingängiger Musik auf höchstem musikalischen Niveau geht zu Ende, und obwohl wir die Texte in portugiesischer Sprache leider nicht verstehen, eröffnen sich uns mit musikalischen Mitteln die faszinierende Gefühlswelt und Mentalität der Menschen in Brasilien.
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