Hiobertus' Reise zum Meer

Jürgen Huber hat mit "Hiobertus" einen Roman geschrieben, der mehr als die bloße Realität seiner Generation erzählt. Bild: Geiger

Wenn Jürgen Huber, der Maler, Politiker, Kunstorganisator und Bürgermeister der Stadt Regensburg, wenn dieser Denker, Tatmensch, Diskursanverwandler und Postromantiker den Bilderrahmen tauscht gegen einen solchen aus Papier und sich zur Autorschaft aufschwingt, dann darf man versichert sein: Dies geschieht mit großer Geste!

Ist Literatur nicht das, was an der Bruchkante von Erinnerung und Vergessen entsteht? Das aus den Fäden des Erlebten und Erfundenen Gewobene? Das aus Gedächtnisstoffresten und dem Füllmaterial des Fiktionalen bunt Collagierte, das den Rahmen zu füllen vermag, den der Autor in Buchgestalt geöffnet hält?

Reiseführer und Road-Trip

Jürgen Hubers "Hiobertus" über- schriebenes 330-Seiten-Werk, das im Untertitel die erläuternde Zeile "Ein Roman. Zum Meer" führt, ist ein Rough-Guide. Ein Reiseführer und Road-Trip hin zu seiner Generation der in den mittleren 1950er Geborenen - deren Jugend zwar noch von allerlei Utopismus und Idealismus geprägt war, die im Laufe ihres Lebens aber jeden Glauben an große Lösungen aufgeben musste.

Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt: Journalist Stefan Hiobertus, ein Mittfünfziger, reist nach Berlin, um die Tochter einer RAF-Terroristin, die ihre Kindheit in der Oberpfalz verbracht hat, zu interviewen. Gemeinsam mit dem Protagonisten reist der Leser im ICE durch die Republik, beobachtet Zuggäste durch dessen Augen und erfährt in Tonband-Protokollen vom journalistischen Ertrag der Reise. Dieser erste Teil ist richtig gut erzählt und bietet eine solide verleimte Modellbiographie aus Fakten und Fiktion. Nach der Rückkehr aus der Hauptstadt sieht sich der Zeitungsjournalist aber urplötzlich herauskatapultiert aus seinem gewohnten Lebenslauf: Seine Gattin Friedl, eine Lehrerin, hat ihm per Brief verlautbarend die Trennung mitgeteilt, weshalb er nun an die kroatische Adriaküste reist, um dort im Hotel "Nova Perspektiva" über all das nachzudenken, was zu seinem nunmehr als Verhängnis empfundenen Dasein geführt hat.

Dort macht er Bekanntschaften, unter anderem die mit einem Russen namens Maxim. Der Verlust der Mitte, den Stefan Hiobertus erleiden musste, macht sich nunmehr auch in der Sprache und im Erzählduktus, überhaupt, in der stofflichen Substanz, bemerkbar: Zunehmend nervöser schlägt sie aus, die Nadel seines inneren Kompasses, und während die Verweisdichte zunimmt, fühlt sich Leser immer weniger verstanden und ernstgenommen von diesem unzuverlässigen, in Permanenz assoziierenden Erzähler.

Bewusste Verwirrung

Diese Verwirrung freilich, die stiftet Huber durchaus bewusst und mit Bedacht, wie auf Seite 162 programmatisch zu lesen ist: "Ganz so, wie ein Maler auf dem Bild, auf der noch farbfeuchten Leinwand wie auf einer Palette sein Rot mischt, dunkler werdend, dann doch verwirft, und neu beginnt zu übermalen, abkratzen zuerst, beim Weiß beginnend, vom Hellen zum Dunklen." Und dann, ein paar Zeilen später: "Realismus taucht auf, kommt und wird wieder übermalt und entsteht neu." Genauso, wie der Maler Huber malt, erzählt er auch, der Autor Huber: Und unterstreicht damit auch formal das Seelenchaos dieses nach dem Glück suchenden Geistesmenschen, tiefgläubigen Skeptikers und verzweifelten Zweiflers Stefan Hiobertus.

___

Jürgen Huber stellt am Freitag, 22. Mai 2015 um 20 Uhr sein Romandebüt "Hiobertus" (Giselaverlag, Regensburg) im Internationalen Keramik-Museum in Weiden vor. Moderation: Stefan Voit, Kulturredakteur "Der neue Tag".
Weitere Beiträge zu den Themen: Mai 2015 (7904)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.