Igors Kunst und Ludwigs Auferstehung

Einer der ganz großen Pianisten unserer Tage gab sich am Freitag in Weiden die Ehre. Igor Levit (28) nahm sich selbst zurück, stellte Noten und Komponisten in den Vordergrund. Bild: Kunz

Der Pianist Levit erweckt Beethovens Musik in der Weidener Max-Reger-Halle zu voller Größe. Und er hat einen großen Plan im Kopf.

Ein ganz großer Klavierabend ereignete sich am Freitagabend in der Max-Reger-Halle: Wieder einmal darf man den Pianisten Igor Levit dafür zur Verantwortung ziehen. Das klug zusammen gestellte Programm umfasste zwar nur zwei Werke, die überspannten aber einen wahren Kosmos an musikalischen Erfahrungen.

Dieser hat seinen Ursprung im Kopf eines einzigen Komponisten: Ludwig van Beethoven. Vor der Pause die Sonate As-Dur op. 26, danach die 33 Veränderungen über einen Walzer von Diabelli op. 120. Beide verbindet das Gestaltungsprinzip Variation. Schon beim erstgenannten Werk von 1801 deutet sich an, dass der Komponist Beethoven mit einem selbstbewussten, herausfordernden Anspruch auftritt. Konventionen der Sonaten-Architektur werden umgestoßen, die Satzfolge Variation - Scherzo - Trauermarsch - Allegro zeigt es, Igor Levit verklanglicht es wie selbstverständlich.

Visionär Beethoven

22 Jahre später hat Beethoven die bittere Erfahrung der Taubheit gemacht, er bewältigt sie auch mit seiner "neuen Manier der Komposition" (1802). Napoleon hat die Ordnung Europas umgestoßen, der Wiener Kongress (1815) hat sie neu gefügt. Beethovens extremes, monumentales Opus 120 reizt die Kompositionstechniken der Vorfahren aus, blickt aber auch visionär in die Zukunft: Wir werden chromatische Harmonik bei Wagner wieder finden, sphärische Klangeffekte bei den Impressionisten, virtuosen Anspruch bei Liszt.

Der Exkurs soll zeigen, dass es bei diesen beiden Stücken nicht mit einem noch so korrekten und musikantischen Abspielen getan wäre, das ergäbe nur Schall und Rauch. Levit hingegen weiß, was zu tun ist. Er hat die Noten und vor allem den "großen Plan" auswendig im Kopf. Die vier Sätze von op. 26 zeigen scharfes Profil. Er kann verbindlich und versöhnlich sprechen, aber auch widersprechen, die Musik gegen den Strich der Konvention bürsten.

Sein Meisterstück liefert er mit den Diabelli-Variationen ab. 33 Variationen lang strahlt sein Spiel vollste und doch gelassenste Konzentration aus. So schnell sind 50 Minuten schon lange nicht mehr verflogen. Das Thema mit seinen 16+16 Takten fordert manchmal im Minutentakt blitzschnelles Einstellen auf neue Tempi, Spieltechniken und Stimmungen. Oft bringt Beethoven auch innerhalb einer Variation extreme Kontraste zusammen.

Wie aus einer anderen Welt

Levit besitzt bei all dem eine unglaubliche geistige und physische Präsenz, eine suggestive Ausstrahlung. Er überrascht immer wieder mit neuen Klangfarben. Er leuchtet die Stimmen aus, gerade auch bei den Fugen. Er kann hochdramatisch, euphorisch, witzig, skurril, sanglich, lyrisch, auch überirdisch abgehoben spielen, wie aus einer anderen Welt. Er rückt die Musik in den Vordergrund und tritt selber bescheiden hinter Beethovens Noten zurück. Wo soll das noch hinführen? Er ist erst 28. Euphorischer Applaus.
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