Interview mit Autorin Barbara Warning über Flucht einst und heute
"Die Kinder sind immer die Opfer"

Über die Erlebnisse von Kindern und Jugendlichen im und unmittelbar nach dem Krieg hat Barbara Warning ein preisgekröntes Buch geschrieben. Am 29. Juni liest sie daraus im Alten Schulhaus. Bild: hfz/Ole Graf
Kultur
Weiden in der Oberpfalz
24.06.2016
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Das große Thema von Barbara Warning liegt Jahrzehnte zurück: Über Flucht nach dem Zweiten Weltkrieg hat sie ein vielbeachtetes Buch geschrieben. In Weiden wird sie aber nicht nur daraus lesen. Sondern auch diskutieren, ob man die Situation damals mit der Lage der Flüchtlinge heute vergleichen kann.

"Da war eine Lücke." Über die großen Linien, über Erwachsene im Zweiten Weltkrieg und in den Jahren danach fand sie viele Veröffentlichungen, sagt die Hamburger Autorin Barbara Warning. Aber nicht über die Situation der Kinder. Also sprach sie mit 21 Zeitzeugen, die damals minderjährig waren, die Krieg, Flucht und Vertreibung erlebten. Herausgekommen ist das preisgekrönte Buch "Kindheit in Trümmern" (Ravensburger Verlag).

Daraus wird Warning am 29. Juni in Weiden lesen (siehe Kasten) - und darüber diskutieren. Auf dem Podium werden daneben Vertreter der Vertriebenen sitzen, aber auch Helfer der Flüchtlinge von heute. Im September erscheint, ebenfalls im Ravensburger Verlag, Warnings neues Buch "Heimisch und doch fremd. Jugendliche Migranten berichten, wie Integration gelingt".

Frau Warning, bei der Diskussion wird es um Flucht nach dem Krieg und in der Gegenwart gehen. Lässt sich beides überhaupt vergleichen?

Barbara Warning: Mein Buch handelt zwar vom Zweiten Weltkrieg und deutschen Kindern. Aber letztlich ist das eins zu eins übertragbar. Ob Bomben auf Hamburg oder Aleppo fallen, oder ob man aus Königsberg oder Kabul flieht: Die Konsequenz ist für Kinder dieselbe.

Manche in den Vertriebenenverbänden und in der Politik verwahren sich gegen solche Vergleiche. Haben sie Unrecht?

Es kommt darauf an, worüber man redet. Wenn es um die Integration geht, gibt es Unterschiede. Wenn ein Deutscher nach Deutschland flieht, hat er eine vergleichbare Schulbildung, beherrscht die Sprache. Der muss nicht integriert werden. Das ist bei einem jungen Iraker anders. Und da ist noch ein Aspekt: Die Ostvertriebenen, die Spätaussiedler kamen in ein vom Krieg zerstörtes Land. Als dann das Wirtschaftswunder einsetzte, wurde jede Hand gebraucht. Heute ist Deutschland reich, jetzt werden im Grunde nur Hochqualifizierte gebraucht. Aber: Die Flucht aus einem Kriegsgebiet ist natürlich immer vergleichbar.

Wie konkret?

Das Leben für Kinder in einem Kriegsgebiet ist immer gleich. Sie sitzen in Bombenkellern, gehen nicht zur Schule, erleben Tod und die Zerstörung all dessen, was ein normales Leben bedeutet. Genauso ist es mit der Flucht. Es spielt keine Rolle, ob sie auf einem Schiff auf der Ostsee sind, das jederzeit von einem Torpedo getroffen werden kann, oder ob sie im Mittelmeer Angst vor Schiffbruch haben müssen. Und auch die Ankunft. In dem Land, in das sie kommen, erfahren die Kinder Ablehnung. Sie waren ja auch nach dem Krieg nicht willkommen. Alle, mit denen ich für mein Buch gesprochen habe, haben Sätze gehört wie: "Ihr Polacken, wir wollen euch nicht."

Am Ende ist die Integration aber gelungen.

Ich glaube, das ist letztlich mit dem Wirtschaftswunder geglückt, es gab Arbeit. Trotzdem war es ein langer Prozess, obwohl es Deutsche waren.

Wird es mit den Flüchtlingen heute länger dauern?

Ich habe für mein neues Buch über Migranten auch mit einer Lehrerin gesprochen. Sie hatte in einer Vorbereitungsklasse 16-jährige Analphabeten, die erst lernen mussten, wie man einen Stift hält. Wie sollen die in absehbarer Zeit in eine hochtechnisierte Arbeitswelt integriert werden?

Das trifft doch nicht auf alle zu.

Auch Akademiker aus Syrien brauchen Jahre, bis sie ein Deutsch sprechen, das ihrem Bildungsstand entspricht. Es wird ein sehr langwieriger und teurer Prozess. Merkels "Wir schaffen das", und das vielleicht auch noch in kurzer Zeit - das stimmt so nicht. Es gibt manche, die nennen die Erwachsenen, die heute herkommen, eine verlorene Generation. Aber ihre Kinder können es schaffen. Deswegen muss der Schwerpunkt auf ihnen liegen, darauf, dass sie gefördert werden und schnell in die Schule kommen.

Sie haben viel mit Flüchtlingskindern von früher gesprochen. Diese Ereignisse liegen Jahrzehnte zurück. Was macht diese Erfahrung langfristig aus ihnen?

Es ist erstaunlich, dass alle etwas aus ihrem Leben gemacht haben. Da war keiner, der gejammert hat, keiner hat resigniert, selbst die nicht, die im Konzentrationslager waren.

Wie haben sie das geschafft?

Zum Teil durch Verdrängung. Manche hatten zwar gleich danach körperliche Beschwerden. Aber bei anderen, wie meinem Vater, ist es erst im Alter wieder hochgekommen, er hatte Albträume. Was auch auffällt: Alle haben ein gestörtes Verhältnis zum Essen. Meine Mutter zum Beispiel hat die Käserinde immer mikroskopisch genau abgeschnitten. Andere horten Dosen mit Lebensmitteln in der Speisekammer. Sie alle haben Hunger erlebt. Nicht so etwas wie eine Diät. Wirklichen Hunger. Das hat sie stark geprägt.

Trotzdem ist es keine komplett traumatisierte Generation. Entscheidend ist, ob sie zum Beispiel eine starke Mutter hatten, oder eine, die ihre eigene Angst auf die Kinder übertrug. Oder ob sie im schlimmsten Fall allein waren. Wichtig ist auch, ob das Familienleben vor dem Krieg harmonisch und geborgen war. Dann hatten sie so etwas wie einen Rucksack aus Kraft, um das Grauen zu überstehen. Wenn das nicht so war, hatten sie keinen Schutzmantel. Dann hat sie der Schrecken des Krieges mit voller Härte getroffen.

Lassen sich aus den Erfahrungen damals Lehren ziehen?

Nie wieder Krieg! Solange es Politiker gibt, die meinen, Konflikte mit Waffen lösen zu müssen, wird es auch dieses Elend geben, und die Kinder und Jugendlichen sind immer die Opfer. Deswegen ist es so wichtig, dass man sich besonders um sie kümmert.

Lesung und Diskussion mit Barbara WarningDie freie Journalistin und Autorin Barbara Warning liest am Mittwoch, 29. Juni, in Weiden. Zunächst vormittags an der Realschule. Am Abend folgt eine öffentliche Veranstaltung samt Diskussion im Alten Schulhaus.

Beginn ist um 19 Uhr mit einer Einführung durch Stadtarchivarin Petra Vorsatz. Nach einer kurzen Lesung aus Warnings Buch "Kindheit in Trümmern" folgt eine Diskussion zum Thema Flucht und Vertreibung. Neben der Autorin nehmen daran teil: Dr. Sebastian Schott (Stadtarchiv), Dr. Wolf-Dieter Hamperl (Heimatkreis Tachau), Veit Wagner (Netzwerk Asyl, Integrationsbeirat) und der Rechtsanwalt Uwe Erling (der Kepler-Abiturient hat eine preisgekrönte Schülerarbeit über Flucht und Vertreibung am Beispiel seiner Familie verfasst). Der Eintritt ist frei.

Dass die Hamburgerin nach Weiden kommt, hat übrigens mit New York zu tun. Dort lebt die gebürtige Max-Reger-Städterin Dr. Silvia Hodges Silverstein. Den Kontakt zur Oberpfalz hat sie ebenso wenig verloren wie den zu ihrer Freundin Barbara Warning. Mit der Lesung bringt Hodges Silverstein beides zusammen. Sie hat die Veranstaltung organisiert und wird selbst vor Ort sein. (fku)
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