Interview vor Welt-MS-Tag
Mit Kunst der Krankheit trotzen

Ramona Nestler lässt sich von der Multiplen Sklerose nicht unterkriegen: Die erfolgreiche Porzellanmalerin stellt ihre Arbeiten bei der Ausstellung "Denken - Fühlen - Malen" aus. Bild: Kempf
Kultur
Weiden in der Oberpfalz
24.05.2016
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Eine schwere Krankheit muss künstlerisches Talent von Menschen nicht einschränken. Vielmehr kann sie Kräfte freisetzen, antreiben und motivieren. Das zeigte die Ausstellung, "Denken - Fühlen - Malen", die in Weiden zu sehen war.

Weiden/Tettau. Zum ersten Mal zeigt die Ausstellung nicht nur Werke von Malern mit Multipler Sklerose (MS), sondern auch Porzellan. Auch eine Porzellanmalerin von Seltmann, Ramona Nestler, präsentiert ihre Arbeiten. Sie lebt ebenfalls mit MS. Kurz vor dem Welt-MS-Tag am Mittwoch, 25. Mai, hat sie mit unserer Kulturredaktion gesprochen.

Seit wann arbeiten Sie als Porzellanmalerin?

Ramona Nestler: Nach der Schulzeit entschied ich mich für den Beruf der Zierporzellanmalerin. Vier Jahre war ich Figurenmalerin in der Porzellanmanufaktur Scheibe-Alsbach, die 1991 von der Porzellangruppe Seltmann übernommen wurde. 1995 wurde ich in die Königliche Porzellanfabrik Tettau übernommen, wo ich bis heute als Dekorentwerferin arbeite. Schon einige Zeit zuvor regte mich die Unternehmensleitung an, meinen Weg in Richtung Dekorentwurf einzuschlagen und Ideen auf Porzellanteller zu bringen. Ich begann bei Tettau auch in der Lithografie zu arbeiten, dem Zwischenschritt vom handgemalten Entwurf zum Buntdruck. Im Jahr 2000 wurde mir das Künstlerprojekt "Friedensreich Hundertwasser" überantwortet.

Sie üben einen sehr anspruchsvollen Beruf aus. Macht Ihnen die Krankheit dabei Probleme?

Die MS äußerst sich bei mir durch Ausfallerscheinungen in den Beinen, beim Laufen. Deshalb macht mir die Krankheit zum jetzigen Zeitpunkt im Beruf noch keine Probleme.

Wirkt sich der Arbeitsalltag auf Ihren Krankheitsverlauf aus?

In den letzten beiden Jahren habe ich gemerkt, dass ich immer weniger Kraft habe. Die Arbeitswochen werden anstrengender. Um das auszugleichen, gehe ich früher zu Bett, um wieder Kraft für den neuen Tag zu schöpfen. Das funktioniert ganz gut, aber soziale Kontakte oder eine Partnerschaft sind damit unmöglich.

Sie leben seit zehn Jahren mit der Krankheit. Wie sehr hat sich Ihr Leben durch die Diagnose verändert?

Nach der Diagnose habe ich mich sehr zurückgezogen, habe dadurch meinen Freundeskreis verloren, bin vereinsamt. Mein Lebensmittelpunkt wurde immer mehr mein Beruf.

Wie reagierten Ihre Kollegen und Vorgesetzten auf Ihre Erkrankung?

Sehr positiv, mit großem Verständnis und Rücksichtnahme. Mein Arbeitgeber kommt mir stark entgegen. Bei kurzfristigen Arztterminen kann ich Überstunden nehmen. Arbeitseinschränkungen werden akzeptiert und nicht problematisiert. Ich kann beispielsweise keine Mal-Vorführungen an den Wochenenden in anderen Städten mehr machen. Ich fühle mich nie benachteiligt. Ich denke, das ist eine große Ausnahme in der heutigen Arbeitswelt. Seltmann ist ein Beispiel dafür, wie positiv im Berufsleben mit einer schweren Krankheit umgegangen werden kann.

Sie nehmen in diesem Jahr an einer Ausstellung teil, in der Künstler mit MS ihre Bilder zeigen.

Es ist für mich sehr ungewohnt, mit meiner Krankheit an die Öffentlichkeit zu gehen. Noch weiß ich selbst nicht, ob ich dies richtig gemacht habe, ob ich es noch einmal machen würde. Ich bin damit noch unsicher und fühle mich noch nicht ganz wohl dabei. Bislang wusste nur mein engstes Umfeld Bescheid, jetzt wissen es viele Menschen. Das macht mir noch Angst.

Können Sie anderen MS-Betroffenen einen Rat für den Umgang mit der Diagnose geben?

Man sollte auf jeden Fall die Geschäftsleitung und die Kollegen informieren. Und man sollte sich nicht so isolieren, wie ich das getan habe!

Welt-MS-TagWeltweit ruft der Welt-MS-Tag zu Solidarität mit den rund 2,5 Millionen MS-Kranken auf. Er will Aufmerksamkeit und Verständnis für ihre Belange wecken sowie über die Erkrankung und ihre Auswirkungen in allen Lebensbereichen aufklären. (ske)
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