Jazz kennt keine Grenzen

"ViBop", ein Wortspiel aus Vibraphon und Bebop, so nennt sich die neue Formation des aus Lettland stammenden Juri Smirnov. Ivan Ivanchenko am Vibraphon überzeugte durch brillante Spieltechnik und untrügliches Timing. Bilder: Reitz (2)

Gleich zwei Gruppen gab es als Auftakt zum Jubiläumsjahr 40 Jahre Jazz-Zirkel Weiden. Das Trio von Alfred Hertrich und Juri Smirnov mit seinem aktuellen Quartett "ViBop" sorgten am Freitag für einen abwechslungsreichen Konzertabend.

Jazz-Begegnungen zwischen West und Ost hat sich der Jazz-Zirkel Weiden von Anfang an auf seine Fahnen geschrieben, lange bevor der eiserne Vorhang durchlässiger wurde. Auch das Eröffnungskonzert zum Jubiläumsjahr wurde diesem Motto gerecht und machte deutlich, wie sich Musiker auch über Grenzen hinweg bestens verstehen und miteinander Neues erschaffen.

50 Jahre Jazz Ost-West

Alfred Hertrich gilt als "Vater" des Jazz-Zirkel Weiden und ist seit über 50 Jahren als Gitarrist in Nordbayern aktiv. Fast genauso lange dauert die Freundschaft mit dem Prager Schlagzeuger Josef Vejvoda, mit dem er zahlreiche Konzerte gab. Der Dritte im Bunde ist Wilfried Lichtenberg am Kontrabass, ebenfalls seit Jahrzehnten eng mit Hertrich verbunden.

Ein feine, nuancierte Klangwelt eröffnet sich dem Zuhörer, Musik ohne Zugeständnisse an modische Strömungen. Fragile und durchsichtige Klanggebilde entstehen aus dem Moment, alle Musiker agieren als gleichberechtigte Solisten. Da übernimmt auch Wilfried Lichtenberg mit dem Bogen die Melodieführung, oder Josef Vejvoda zaubert mit expressiver Hand-Percussion subtile Klanglandschaften. Als Ausgangsmaterial dienen Kompositionen von Leo Wright, Esbjörn Svensson oder Ornette Coleman. Die werden aber in unverkennbarer, individueller Manier weitergesponnen und ausgebaut, eine Vorgehensweise, die besten Jazz ausmacht. Eine Musik, weitab von unserer hektischen, lauten und aggressiven Zeit, Musik als Balsam für unsere oft geschundenen Ohren!

Auch schon 25 Jahre prägt der aus Riga stammende Multiinstrumentalist Juri Smirnov die lokale Musikszene. Unvergesslich sein erster spontaner Auftritt in Weiden beim Sommernachtsfest mit dem Landes-Jugendjazzorchester Bayern! Seitdem ist er mit zahlreichen eigenen Formationen aktiv, wobei es kaum stilistische Grenzen gibt. Neu ist seine Gruppe "ViBop" mit dem aus Omsk stammenden Vibraphonisten Ivan Ivanchenko und dem Bassisten Stefan Großmann, der auch für die humorvollen Bühnenansagen zuständig ist. Das Trio wurde in Weiden mit dem Schlagzeuger Jan Brill zum Quartett erweitert und überzeugte durch ein homogenes Gruppenkonzept.

Im Mittelpunkt stehen eigene Kompositionen von Juli Smirnov, oft Widmungen oder Variationen zu berühmten Musikern oder Standards. Da entpuppt sich "Mister P.D." als Hommage an Paul Desmonds "Take Five" oder "Calypso" als Tribut an Sonny Rollins. Dass Smirnov ein veritabler Könner auf Saxofon und Klavier ist, hat er immer wieder bewiesen. Dass er aber auch mit dem Akkordeon jazzmäßig improvisieren kann, überraschte viele Zuhörer. Ivan Ivanchenko ist auf dem Vibraphon eine Offenbarung. Auch schnellste Passagen meistert er souverän und wie Stefan Großmann in einer Ansage ironisch anmerkte, einer Reise mit seiner Großmutter auf der "Transsib" hätte er sein außerordentliches Gefühl für Rhythmus und Timing zu verdanken.

Akkordeon und Vibraphon

Smirnov wechselt ständig zwischen Tenorsax, Sopransax und Akkordeon, und beim Zusammenklang von Akkordeon und Vibraphon werden sofort Erinnerungen an das legendäre Art-Van-Damme-Quintett wach, das den modernen Jazz salonfähig machte, Anklänge an eine Zeit, als gepflegte Barmusik noch von echten Musikern gemacht wurde. Erfrischend die stilistische Vielfalt, die vom hektischen Bebop eines Charlie Parker über Duke Ellingtons "Take the A-Train" über lässig swingende Latin- und Calypso-Rhythmen bis zu Thelonious Monks "Straight, no chaser" reichte. Ein vergnüglicher Abend mit Musikern ohne stilistische Scheuklappen
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