Jazz-Legende Stanko in Weiden
Klänge, die unter die Haut gehen

Ein Schlüsselerlebnis und Lehrstück in Sachen Jazz: Tomasz Stanko mit seinem "New York Quartet" bot frische, einzigartige Musik auf höchsten künstlerischen Niveau. Herkunft und Altersunterschiede der Musiker spielen hier keine Rolle. Bild: Reitz

Tomasz Stanko (Jahrgang 1942), Jazz-Legende aus Polen, hat einen völlig eigenständigen Jazzstil kreiert. Im familiären Ambiente des Bistrot Paris konnten seine Klanggemälde ihre magische Wirkung voll entfalten.

Knisternde Atmosphäre im voll besetzten Bistrot Paris. Einige Zuhörer waren weit angereist, um eine Ikone des modernen Jazz hautnah zu erleben -und niemand wurde enttäuscht. Mit 23 Jahren spielte Stanko als Mitglied im Quintett des legendären Pianisten und Filmkomponisten Krzysztof Komeda Polens wohl wichtigste Jazz-Platte "Astigmatic" ein, seit den 70er Jahren ist er auf den Bühnen der Welt zu Hause und hat unzählige Alben, unter anderem beim renommierten ECM-Label eingespielt.

Hoch gesetzt sind die Erwartungen, als die 74-jährige Jazz-Ikone, seine Trompete an die Lippen setzt, und vom ersten Ton an ist man gefangen von der Magie dieses Klangs. Stankos Ton ist einzigartig und unverkennbar. Ähnlich wie Miles Davis erkennt man ihn schon beim ersten Ton: Ein Sound, brüchig und expressiv, zwischen abgrundtiefer Melancholie und eruptiven Ausbrüchen, ein Sound der oft als "dirty" bezeichnet wird, und als künstlerisches Ausdrucksmittel schon fast zum Markenzeichen geworden ist. Melodien werden oft nur angedeutet oder bruchstückhaft angespielt und haben viel Zeit sich zu entwickeln und ihre Wirkung zu entfalten.

Ein Pole in New York


Bei der Wahl seiner Mitstreiter hatte Stanko schon immer eine glückliche Hand. Zbigniew Seifert, der leider allzu früh verstorbene Geigenvirtuose, fand in Stankos Band seinen eigenen Stil, Namen wie Ed Vesala, Bobo Stenson oder Marcin Wasilewskis "Simple Acoustic Trio" sind nur wenige aus einer langen Liste.

Seit den 80er Jahren pendelt Stanko zwischen New York und seiner Heimatstadt Warschau hin und her, und sein "New York Quartet" existiert nun auch schon seit fünf Jahren und ist bestens aufeinander eingespielt. Der aus Kuba stammende Pianist David Virelles (geboren 1983), Bassist Reuben Rogers (geboren 1974 auf den Jungferninseln) und Schlagzeuger Gerald Cleaver (geboren 1963 in Detroit) haben Stankos Konzept verinnerlicht und erschaffen neue musikalische Welten aus dem Moment.

Es gibt viel Freiraum und Luft zwischen den Tönen, man lässt sich Zeit, die Instrumente werden in allen erdenklichen Konstellationen kombiniert. Da spielt mal die Trompete, untermalt von schwirrenden Becken, da gibt es lyrische Dialoge zwischen Trompete und Klavier, da vermischen sich elegische Klänge auf dem gestrichenen Bass mit pulsierenden Schlägen auf den Trommeln, es darf auch mal so richtig swingen und es gibt kurze Ausflüge in die Atonalität.

Natürlich kommen auch die Latin-Wurzeln seiner Mitstreiter immer wieder zum Vorschein, aber nicht ausgelassen und laut, sondern überschattet von einer Melancholie, wie man das auch vom argentinischen Tango kennt. Natürlich gibt es auch Vorbilder, die jedoch nie überstrapaziert werden, aber doch durchscheinen. Da gibt es Anklänge an McCoy Tyners Klangkaskaden oder den dichten Gruppenklang des Coltrane-Quartetts, da gibt es Cluster, wie sie Cecil Taylor verwendet, da erinnert der bodenständige Bass in den tiefen Lagen an Charles Mingus, oder es gibt Parallelen zu Mingus Kompositionstechniken mit abrupten Tempo- und Stimmungswechseln.

Ein großer Abend


Stanko verzichtet bewusst auf Zwischenansagen oder erklärende Worte und lässt die Musik sprechen. Diese entsteht aus dem Moment, die Themen werden zwar auf seiner nächsten CD erscheinen, dann allerdings wohl wieder völlig anders klingen. "Musik ist die Kunst, Geschichten ohne Worte zu erzählen! Meine Musik ist ein lebendiger Organismus, ich mag es, wenn sie sich immer weiter entwickelt", so Stanko in einem Interview.

Die Geschichten, die Stanko und seine Musiker erzählen sind hochinteressant und gehen unter die Haut. Beim Publikum bleibt das Gefühl, einen der ganz großen Abende in der 40-jährigen Geschichte des Jazz-Zirkels hautnah erlebt zu haben.
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