Jetzt schaut er die Schöpfung

Das Fugenschach lag Karl Aichinger immer besonders am Herzen, verband es doch seine skulpturhaften Visionen mit der Kraft der klassischen Musik. Am Samstag ist der Oberpfälzer Künstler im Alter von 63 Jahren in Regensburg gestorben. Bild: NT/AZ-Archiv

Seine Bilder strotzten immer vor Farbe und Kraft. Und man konnte Musik aus ihnen hören. Auch Karl Aichinger selbst strahlte immer eine ungeheuere Kraft aus. Jetzt ist er, nach langer Krankheit, am Samstag im Alter von 63 Jahren gestorben. Ein persönlicher Nachruf.

Am Abend haben wir dann noch in der "Linda" einen Schnaps auf ihn getrunken - die Liane, der Theo und der Robert. "Einen Wodka. Den hätt' der Karl sich jetzt auch gegönnt", sagt Wirt Robert Hammer. Am Samstagnachmittag war der Künstler Karl Aichinger in Regensburg gestorben. Das Ende war abzusehen, zu sehr hatte sich sein Gesundheitszustand in den letzten Wochen verschlechtert. Freunde und Bekannte hatten zwar mit dem Schlimmsten gerechnet, trotzdem war die Bestürzung dann groß. Mit dem Tod Aichingers verlieren die Stadt Weiden und die Region einen ihrer wichtigsten Künstler.

Wahrscheinlich hätte er sich nicht viel um einen Nachruf geschert, der Karl, aber er würde sich bestimmt darüber freuen. "Schreib was schönes. Du kannst das schon!"

Von Floß nach München

Am 23. April 1951 wurde er in Floß geboren, als eines von sieben Kindern. Der Vater war Metzger. Vom Dorf kam er in die Stadt, ging auf das Kepler-Gymnasium, sein Abitur holte er aber in Nürnberg nach. Dann ging es nach München. Er fing zu studieren an: ein bisschen Medizin, ein bisschen Sinoligie, ein bisschen Soziologie, ein bisschen Mineralogie.

Es war aber mehr das Theater, das ihn faszinierte. Alexeij Sagerer, ein niederbayerischer Regisseur, Autor, Schauspieler und Medienkünstler, holte ihn 1973 an das "Theater proT". Dort war Karl Aichinger unter anderem an der Entstehung des Stückes "Wattn (ein Kartenspiel) oder Ois brenn' ma nida" (1974) beteiligt, stand auf der Bühne, machte Musik - und malte erste Bilder.

Es war eine intensive und auch wilde Zeit. Oft hat er von München erzählt und geschwärmt, und wie prägend diese Zeit für ihn gewesen sei. Doch dann war ihm die Stadt zu groß geworden und er kehrte in die Oberpfalz zurück. Zunächst wieder nach Floß und dann nach Weiden. 1981, mit 30 Jahren, machte er eine Ausbildung zum Steinmetz und Steinbildhauer. Dies war ein bedeutender Abschnitt für ihn: Von da an widmete er sich nur noch seiner Kunst und der Musik.

Dem Karl bin ich 1978 zum ersten Mal begegnet. In der legendären Weidener Altstadtgalerie hatte er 1978 seine erste Ausstellung. Im damals kulturarmen Weiden - es gab für uns junge Leute nicht viel mehr als den Jazz-Zirkel und den Film-Club - war das ein Ereignis: Kunst in der Kneipe. Und der Karl zeigte seine Tuschezeichnungen. Ganz feine Arbeiten waren das, hingehauchte Pinselstriche, fast Zen-artig. Von da an war Aichinger eine Institution in der Max-Reger-Stadt.

Reger und Bach

Überhaupt Max Reger: Den Max und seine Orgelkunst liebte und verehrte er. Besonders dessen "Fantasie und Fuge über B-A-C-H op. 46" aus dem Jahr 1900. Aber nicht nur aus der Klassik holte er sich seine Kraft und Inspiration. Auch Soulmusik von James Brown oder die Gitarrenkunst von Jimi Hendrix schätzte er. In den 80er Jahren machte er dann in Steinfels eine Kneipe auf. Das war damals ein beliebter Szenetreff. Nach einer Ausstellung 1984 bei den "Weidener Kulturtagen" im Neuen Rathaus, folgte 1993 seine erste große Ausstellung im Oberpfälzer Künstlerhaus in Schwandorf.

Offen und direkt

Im Mittelpunkt stand "Das Fugenschach - eine Tonleiter der Schöpfung". Die einzelnen Figuren hat er dabei radikal auf geometrische Formen reduziert. "Das ist meine Lebensversicherung", hat er mir zu diesem Spiel einmal erzählt. Verschiedene Schachhersteller hatten Interesse daran gezeigt, kommerziell wollte er es aber nicht verwerten. Immerhin ist das "Fugenschach" in die Sammlung des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg aufgenommen worden.

Irgendwann begrüßte der Karl die Leute nicht mehr mit "Grüß Gott", sondern mit "Hallelujah". Viele stieß er mit seiner direkten Art oft vor den Kopf. Aber er sagte immer offen und aus dem Herzen seine Meinung. Geradeheraus präsentierte er in seinem Oberpfälzer Dialekt, was er dachte, was ihm missfiel, was er von anderen Künstlern hielt: "Aus dem wird noch was" oder "Der hat einen guten Strich".

Doch nicht nur in der Region, auch international machte sich Karl Aichinger einen Namen. Einzel- und Gruppenausstellungen in Luxemburg, Wien, New York, Bratislava und Helsinki sprechen für ihn.

Über die Jahre hinweg sind wir uns immer wieder begegnet - beruflich und privat. Seine herzliche und einnehmende Art war immer etwas besonderes, und die Gespräche wirkten oft lange nach. Diese Verbundenheit lag vielleicht auch daran, dass wir beide im Sternzeichen des Stiers geboren waren. Er war eine imposante Persönlichkeit, groß und stark - wie eine Eiche, die sich im rauen (Kunst-)Wind wiegt, kam er mir oft vor. Und je nach Stimmung, änderte er auch sein Aussehen: mal mit langen Haaren und Bart, an Albrecht Dürer erinnernd; dann mit Glatze, oder das Haar, wie ein Samurai, zum Zopf hochgebunden.

Kraft und Lebensfreude

Seine Bilder, die oft über Jahre hinweg entstanden oder immer neu be- und erarbeitet wurden, sind kraftvolle Gemälde, aus denen die Farbigkeit nur so herausleuchtet. Großdimensioniert strahlen sie eine Stärke und Lebensfreude aus. Sie künden von einer malerischen Musikalität und einer musikalischen Malerei. Leidenschaftlich, expressiv, kraftvoll gießt der Künstler seine Welt in Form und Farbe, setzt Erfahrungen ins Bildhafte um. Aichinger weiß die Welt nicht nur als Objekt zu betrachten, sondern als Schöpfung, als etwas von Gott gegebenes zu begreifen.

Film und Fotografie

Er malte aber nicht nur, sondern war Bildhauer (Ein Stein von ihm steht in der KZ Gedenkstätte Flossenbürg.), schrieb Gedichte, drehte Filme und fotografierte. Seit 1999 lud er die Kunstfreunde in seine Atelierwohnung in der Sedanstraße ein. Unter dem Zyklustitel "Ich schaue die Schöpfung" zeigte er mindestens einmal im Jahr aktuelle Arbeiten. Die letzten Ausstellung Ende 2013 trug den Titel "Nichts was nicht Gott ist".

Vor vier Jahren wurde ein schwere Krankheit bei ihm festgestellt. Vier lange Jahre hat er erfolgreich dagegen angekämpft, malte unentwegt, ging auf Ausstellungen und in Konzerte. Jetzt ist er gestorben, am Samstagnachmittag, in Regensburg. "Hallelujah", Karl. Jetzt schaust du die Schöpfung!

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.karlaichinger.de
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