Joseph Beuys im Amberger ACC
Genie, Provokateur und Homo Politicus

"Gespräch über Bäume" (1982): Joseph Beuys hatte eine besondere Beziehung zur Natur. Anlässlich der Documenta begann er in Kassel damit, 7000 Bäume zu pflanzen. Er verstarb bevor das Ziel erreicht war.
Kultur
Weiden in der Oberpfalz
22.07.2016
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Immer am Mann: Der Filzanzug war Teil der Corporate Identity der selbst kreierten Marke Beuys.
 
"Kunst = Kapital" (1979): Das Spannungsfeld zwischen Kunst und Kapital hat Beuys in vielen Werken zum Thema gemacht. Bilder: Steinbacher (4)

Da hat das Amberger Congress Centrum einen dicken Fisch an Land gezogen. Die Werke eines der bekanntesten Künstler der deutschen Nachkriegsgeschichte gibt es ab Montag, 25. Juli, täglich ab 11 Uhr im ACC zu sehen: 150 Objekte, Multiples und Originalgrafiken von Joseph Beuys.

Heuer ist der 30. Todestag und 95. Geburtstag von Joseph Beuys. Die nationalen und internationalen Aussteller dürften sich um diese Gelegenheit gerissen haben. Vor allem wegen der Tatsache, dass das ACC sein 20-jähriges Bestehen feiert - ein tolles Geschenk. Überhaupt werden die wichtigsten Werkgruppen des umstrittenen Künstlers zum ersten Mal in Bayern zu sehen sein. Die Amberger Schau konzentriert sich auf Schwerpunkte, die repräsentativ für das Gesamtwerk sind: Beuys und die Politik, Natur, Multiples und Wirtschaftswerte und Beuys als Mensch.

Rätselhafte Persönlichkeit


"Eine Besonderheit der Amberger Ausstellung", sagt ACC-Geschäftsführerin Petra Strobl, "ist sicherlich die Vielfalt der Ausstellung, in der Beuys dem Besucher immer wieder als ebenso originelle wie rätselhafte Persönlichkeit begegnen wird." Nun bieten knapp 150 Objekte, Multiples und Originalgrafiken, unterteilt in fünf Werkgruppen, den Besuchern in Amberg eine einzigartige Zusammenstellung. Vielfältig, übersichtlich und eindrucksvoll - dem Oeuvre des Künstlers entsprechend. Neben seinem Markenzeichen, dem Filzanzug (1970), ist auch eines seiner bekanntesten Werke, die Capri-Batterie (1985) ausgestellt. Zur Dokumentation seiner politischen Aktivitäten sind Exponate wie "La rivoluzione siamo Noi" (Wir sind die Revolution, 1972) und "Demokratie ist lustig" (1973) zu sehen. Beeindrucken wird auch die Zusammenstellung von etwa 50 Wirtschaftswerten und Zyklen seiner späten Druckgrafik.

Begleitend werden kunstpädagogische Führungen und ein interessantes Rahmenprogramm angeboten. Höhepunkt ist sicherlich die Lange Kunstnacht am 6. August - mit Live-Musik und Führungen durch die Ausstellung bis Mitternacht.

Joseph Beuys gehört zu den wichtigsten und einflussreichsten Künstlern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Durch medienwirksame Installationen, wie die berühmte "Fettecke" wurde er zu Lebzeiten schon zur Legende, auch abseits des elitären Kunstbetriebs. Kaum ein anderer Künstler hat sich so vehement mit der Rolle der Kunst und des Künstlers auseinandergesetzt und damit zum gesamtgesellschaftlichen Diskurs beigetragen.

Ihn darauf festzulegen wäre aber zu kurz gegriffen. Joseph Beuys, der 1921 in Krefeld geboren wurde und 1986 in Düsseldorf verstorben ist, war viel mehr als seine Betitelungen rückschließen ließen: "Schamane" oder gar "Scharlatan". Das Genie hat Kunstgeschichte geschrieben, war Pionier und Wegbereiter in der Nachkriegszeit. Mit sperriger Kunst, die sich nicht sofort jedem erschloss. Von einem Querkopf, der sich nie Dogmen unterworfen hätte.

Der Kunstkritiker Heiner Stachelhaus sagte über Beuys: "Er tat in Wahrheit immer das Andere, immer das was scheinbar abwegig war - 100 Tage auf der documenta reden, sich in Filz einwickeln, stundenlang auf einem Fleck stehen, mit einem Kojoten zusammenleben, Leuten die Füße waschen, Gelatine von der Wand nehmen, den Wald fegen, dem toten Hasen die Bilder erklären, eine Partei der Tiere gründen und das Messer verbinden, als er sich in den Finger geschnitten hatte."

Auch unbestreitbar: Das zivilgesellschaftliche Engagement. Im Gegensatz zu vielen Künstlern hat Beuys seinen Elfenbeinturm verlassen. Er protestierte mit Aktionskunst und brachte sich aktiv in die Politik ein. Er kandidierte für das Europa-Parlament und war 1980 Gründungsmitglied der "Grünen".


Spektakuläre Installation


Bei der documenta 7 im Jahre 1982 transformierte Beuys seine ökologische Haltung in die Skulptur "Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung". So begann er in Kassel Eichen anzupflanzen. Leider erlebte er die Erfüllung seines Ziels - 7000 Bäume und dazugehörige Basaltstelen - nicht mehr. Bei seinem Tod waren erst 5500 Eichen angepflanzt. Den letzten Baum verwurzelte Beuys' Sohn Sohn Wenzel während der documenta 8 fünf Jahre später. Die Baum-Stein-Paare sind im Stadtbild bis heute präsent. Revolutionär war auch seine Definition des Kunstbegriffs: "Wenn ich sage, jeder Mensch ist ein Künstler, sage ich ja nicht, jeder Mensch ist ein Maler, ein Bildhauer, ein Architekt, ein Tänzer, ein Komponist, sondern ich sage, jede menschliche Tätigkeit kann den Anspruch der Kunst haben, kann also auf dem Niveau der Kunst liegen".

In diesem Geist lehnte Beuys als Professor in aller Konsequenz Zulassungsverfahren via Mappen oder Numerus Clausus strikt ab. Aktivist, der er war erklärte er Anfang der 70er Jahre kurzer Hand seinen Düsseldorfer Professoren Kollegen, dass er alle abgelehnten Bewerber in seiner Klasse aufnehmen werde. So hatte er im anstehenden Semester um die 400 Studenten.

Als es wegen der unkonventionellen Vorgehensweise Schwierigkeiten gab, besetzte Beuys mit 17 Studenten das Sekretariat. Die spektakuläre Aktion zeitigte keinen Erfolg und durch Beuys konsequente Haltung endete seine Professur mit einer fristlosen Kündigung durch den nordrheinwestfälischen Wissenschaftsminister.

ServiceAusstellung: "Joseph Beuys: Objekte, Multiples, Grafiken". Bis 14. September.

Ort: Amberger Congress Centrum (ACC), Schießstätteweg 8, 92224 Amberg

Öffnunsgzeiten: Montag bis Sonntag 11- 19 Uhr, Donnerstag/Freitag 11- 20 Uhr.

Öffentliche Führungen: Donnerstag und Freitag 18 Uhr, Samstag und Sonntag 14 und 16 Uhr

Gruppenführungen: Nur nach Voranmeldung (bis maximal 30 Personen pro Führung). Buchungsanfragen an acc@amberg.de

Info-Telefon 09621/4900-0

Weitere Informationen:

www.acc-amberg.de


HintergrundLeihgeber der Werkschau ist die Korff-Stiftung in Ilmmünster. Die Stiftung verfügt über einen großen Bestand an Werken vieler namhafter Künstler. Beuys wurde zuletzt in der Pinakothek in München. Die Korff-Stiftung wurde ins Leben gerufen, um Kindern in Not und alleinerziehenden bedürftigen Mütter mit Kindern unbürokratisch sowie langfristige Hilfe zukommen zu lassen.

Weitere Informationen:

www.korff-stiftung.de
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