Keiner kauft Verkaufsschlager

Die Jogginghose als straßentauglicher Trend-Look: Auch außerhalb des Wohnzimmers oder der Sporthalle trägt man nun graue Sporthosen. Trotzdem tun sich viele schwer mit dem Kleidungsstück. Zu sehr haftet ihm das Gammler-Image an. Bild: Steinbacher

Heute, am 21. Januar 2015, ist Welt-Jogginghosen-Tag. Deshalb haben knapp 200 000 Menschen im Internet angekündigt, sich im Schlabber-Look in den Alltag zu stürzen. Was das mit Weiden zu tun hat? Gar nichts. Denn einen bekennenden Träger des Jersey-Beinkleids gibt es anscheinend nicht in der Stadt.

Niemand wollte sich auf Nachfrage unserer Zeitung öffentlich zur Jogginghose bekennen. Auch nicht der Kollege in der Redaktion, der meinte: "Dürfte ich zu Hause keine Jogginghosen tragen, wäre das ein Scheidungsgrund."

Nein, abseits schweißtreibender Dauerläufe oder anderer sportlicher Betätigungen sei der Schlabber-Look nicht tragbar. "Fürchterlich", findet ihn Stadtrat, Musiker und Sportler Reinhold Wildenauer. Aber praktisch sei er: "Zum Laufen trage ich ab und an Jogginghosen, weil ich da im Gegensatz zu den engen Lauftights noch meinen Schlüssel in die Tasche stecken kann."

Im Fitnessstudio

Der Vorsitzende des Stadtjugendrings sagt: "In meinem Job ist das gar nicht angebracht." Tobias Reichelt ist Banker. Und privat? "Als ich ins Fitnessstudio gegangen bin, trug ich eine Jogginghose. Die Mitgliedschaft liegt aber schon lange auf Eis." Zum Großeinkauf in Ballon-Buxe? Zum Schneeschippen im Jersey-Beinkleid? Zur Tankstelle im Freizeit-Look? Fehlanzeige. Doch was passiert dann nur mit all den Jogginghosen, die allein schon bei Sport Fehr als "der klassische Verkaufsschlager bis Größe 60 in verschiedensten Materialien" (Zitat Christian Fehr) reihenweise über die Ladentheke gehen? Gibt es irgendwo ein Jogginghosen-Massengrab?

Auf jeden Fall gibt es einen Trend hin zur Jogginghose, stellt Christian Fehr vom gleichnamigen Sporthaus fest: "Jogginghosen sind heute High-Fashion-Teile." Gerade die "fußballinspirierten Stücke, die unten enger werden und eventuell Reißverschluss am Bein haben, sind bei jungen Leuten gefragt." Ein Trend, dem gerade ein Sporthaus-Chef nicht entkommen kann? Von wegen. "Ich bin ein Ü 40: Da muss man nicht jeden Modetrend mitmachen", sagt Fehr. Dafür räumt er ein, beim Semmeln holen an einem Sonntagmorgen trage er schon mal eine bequemere Hose.

Trend gefällt Modeindustrie

Für Andreas Moller sind zwei Dinge ganz klar: Erstens: "Jeder soll das tragen, was er will." Und zweitens: "Eine Jogginghose braucht man - aber nur zum Sport." Warum der Maßschneider und Ex-Sandboard-Weltmeister da klar einschränkt? "Jede Kleidung hat ihren Stellenwert für einen gewissen Anlass. Jogginghosen gehören zum Sport." Doch die aktuelle Entwicklung sei eine andere - und sie beunruhigt Moller: "Die ganze Gesellschaft zieht im Moment Kleidung an, die für die Freizeit gedacht ist."

Der Maßschneider meint, dieser Trend werde von der Modeindustrie gesetzt, um die Nachfrage nach Kleidung zu steigern, die leicht und damit kostengünstig herzustellen ist: "Bei einer Jersey-Jogginghose ist es egal, wie exakt die Oberschenkelweite ist. Der Schnitt ist irgendwie und das Teil passt schon. Nicht mal einen Reißverschluss braucht es. Näherinnen müssen nur einen Gummizug reinziehen." Schwupps, fertig.

Entsprechend fertig mache Moller dafür auch der Blick auf die Kleidung einiger Menschen. "Nur Politiker tragen noch Anzüge. Und Banker."

Lieber wäre es Moller, wenn alle dem Jogginghosen-Trend und dem Laissez-faire-Kleidungsstil in der Öffentlichkeit abschwören würden. "Wenn alle nur noch gut angezogene Menschen sehen, können Sie gar nicht anders, als sich selbst auch gut zu kleiden. Das würde sich dann alles von selbst regulieren."

Erst nach Sonnenuntergang

Apropos Regularien: Ab 20 oder 21 Uhr sieht es auch der Maßschneider etwas lockerer, streift die Stoffhose ab und schlüpft in Jogging-Klamotten, um sich damit auf die Couch zu lümmeln. "Das ist okay so. Ich bin daheim." Daheim ist er übrigens in der Mooslohe. Ertappt. Das liegt mitten in Weiden und zeigt: Es gibt sie doch, die Jogginghosen-Fans in der Stadt. Nur tragen sie ihre Gemütlichkeit nicht ganz so offensiv nach außen. Dabei würde es doch gerade heute so gut passen: am Welt-Jogginghosen-Tag.
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