Klangreise zur Wiege der Musik

Percussion pur: Das "Afropean Project" mit Gert Kilian am Balafon, Sohn Janosch Pangritz-Kilian an der Darburka und dem tschechischen Pianisten Vitek Kristan an der Schlitztrommel "Krin" (von links) führt zu den afrikanischen Wurzeln der Musik. Bild: Geiger

Vor 35 Jahren hatte Gert Kilian seinen ersten Auftritt beim Jazz-Zirkel in Weiden - damals mit Orexis, eine der ersten deutschen Gruppen, die sich mit Gitarre, Bass und Perkussion der gerade in Blüte stehenden "Weltmusik" verschrieben hatte. Mittlerweile widmet er sich fast ausschließlich "exotischen" PerkussionsInstrumenten - und er ist wieder in Weiden.

Auf der Bühne im Bistrot Paris stehen Instrumente, die man ansonsten wohl kaum mit Jazz in Verbindung bringt: Gert Kilians Hauptinstrument ist das Balafon, das er auf seinen Studienreisen ausgiebig studiert hat. Die summende Klangfarbe dieses archaischen Instruments wird durch Kürbisresonatoren erzeugt und verweist auf Afrika, die Wiege der Musik. Daneben steht die Steel-Pan, die in der Karibik einst von ehemaligen Sklaven aus alten Ölfässern gebaut wurde. Ihren schwebenden Klang verbindet man mit Sonne, Meer und unendlichen Stränden. Aus Guinea stammt die Krin, eine Schlitztrommel die aus einem ausgehöhlten Baumstamm gefertigt wurde. Die Darbuka ist eine einfellige Bechertrommel, die ihre Ursprünge im Nahen Osten und im arabischen Nordafrika hat. Daneben werden Becken, Glöckchen und Rasseln der unterschiedlichsten Herkunft eingesetzt.

Eigene Kompositionen

"Wir spielen keinen Jazz", sagt Kilian im Interview, und obgleich seine Mitstreiter Janosch Pangritz-Kilian am Schlagzeug und der Pianist Vitek Kristan eindeutig aus der Musikrichtung kommen, überwiegt doch die ethnische Komponente. Kristan kontrastiert mit seinen elektronisch verfremdeten Keyboards zur natürlichen Klangfarbe der Schlaginstrumente. Mit der linken Hand spielt er repetitive Bassfiguren, während die rechte vom Laptop verfremdete Klänge und Cluster entwickelt. Gespielt werden ausschließlich eigene Kompositionen, zu denen Kilian gerne bildhafte Erlebnisse liefert: Da ist von einer widerspenstigen Katze die Rede, von Hexen, die ums Feuer tanzen, von weißen Mäusen im Laufrad oder von böhmischen Wäldern, durch die der Wind pfeift - Geschichten, die durch Musik oder Gesten in Stimmungen und Gefühle umgewandelt werden. Präzise Einsätze und Pausen, sowie dynamische Lautstärken erzeugen Spannung und Intensität, Stilmittel, mit denen schon Gruppen wie Osibisa, Mombasa oder Ginger Baker arbeiteten.

Kilian zeigt sich als Virtuose auf seinem Instrumentarium. Mit atemberaubender Schnelligkeit und äußerster Präzision setzt er seine Schläge. Seine Mitstreiter gestalten die Rhythmen und Klänge aus. Oft wechselt man die Instrumente. Dann setzt sich Vitek Kristan ans Schlagzeug, während Janosch Pangritz-Kilian die Darbuka bearbeitet und Gert Kilian an der Krin zu Gange ist. Auch Fußboden, Wände und Mobiliar werden als Klangerzeuger einbezogen, der Raum wird zum Perkussionsinstrument. Gelegentlich wird auch das Publikum zum Mitklatschen und Mitsingen animiert, obgleich die Oberpfälzer Mentalität ekstatische Gefühlsausbrüche nur beschränkt zulässt.

Dezente Stimmung

Die erste Zugabe beginnt mit einem unbegleiteten Solo am Klavier in dem Kristan seine Affinität zum Jazz andeutet, Kilians Steel-Pan gesellt sich dazu, und Pangritz-Kilian sorgt mit den Besen für eine dezente Stimmung, ehe Lautstärke und Tempo noch einmal anwachsen und zum furiosen Finale führen. Als endgültigen Schluss gibt es "La Berceuse du Coin" - ein Wiegenlied, das noch einmal die Kontraste zwischen Elektronik und natürlichen Klangerzeugern verdeutlicht.

Das Publikum ist von diesem Ausflug in die Weiten der Weltmusik sichtlich angetan, allerdings vermisst man auch diesmal jüngere Zuhörer. Schade, denn hier stehen Spontaneität und Kreativität im Mittelpunkt, Werte, die in unserer von Medien gesteuerten Gesellschaft zunehmend in Vergessenheit geraten.
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