Klaus Panzer spricht über seine Krebs-Erkrankung
Tumor ist, wenn man trotzdem lacht

Klaus Panzer im Garten seines Hauses in Schirmitz. Der Mitgesellschafter des Medienhauses "Der neue Tag" geht mit seinem Sterben auf Raten offen um - und der Ingenieur will gehen, wie er gelebt hat: selbstbestimmt. Bild: Herda
Kultur
Weiden in der Oberpfalz
06.07.2015
753
0

Der Tod ist der große Bezwinger. Ist er auch der große Beweger? Klaus Panzer spricht bewegend offen über ein Ende, das auch ein Anfang sein kann.

Was würden wir tun, wenn? Wenn der Arzt sagt: "Sie haben noch ein Jahr zu leben." Würden wir dann all das nachholen, was wir meinen, bisher versäumt zu haben? Bliebe uns die Kraft, die Lebensfreude, die Unbeschwertheit, uns noch ein letztes Mal ins Leben zu stürzen?

Klaus Panzer gehen ganz andere Gedanken durch den Kopf, als er vor einem guten Jahr mit seiner Diagnose konfrontiert wurde: "Wir sind alle in ein tiefes Loch gefallen, als der Arzt sagte, wir können Sie nur noch palliativ behandeln." Der Mitgesellschafter des Medienhauses "Der neue Tag" nimmt das Urteil wie von weit weg entgegen. "Sie kommen mit dem Volksleiden Nummer eins, Rückenschmerzen, ins Krankenhaus und gehen mit der Gewissheit, an nicht mehr operablem Prostata-Krebs zu leiden."

"Mich trifft das doch nicht"

Der lebensfrohe Oberpfälzer hatte zwar in der Familie bereits leidvoll erfahren müssen, was es heißt, an Krebs zu sterben. "Aber ich dachte, mich trifft das doch nicht." Das Leben ist seitdem nicht mehr dasselbe. Die erste Phase nehmen die meisten Patienten wie im Schock wahr: Zorn über den Hausarzt, der die lang anhaltenden Beschwerden falsch gedeutet hatte; Fassungslosigkeit, dass nun ein Datum im Raum steht - ein Datum, das in nicht allzu ferner Zukunft auf einem Kreuz das Ende einer Wegstrecke markieren wird.

Erst eine engagierte Ärztin beim Notdienst im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder entdeckt schwarze Punkte in der Lunge - vergrößerte Lymphknoten. "Sie hat den PSA-Wert gemessen, und man hat mir gesagt, man könne nicht mehr operieren, aber es sei ein langsam wachsender Krebs." Ist es ein Trost, wenn ein anderer Mediziner feststellt, "es gibt 260 Krebsarten, wenn ich mir einen aussuchen könnte, dann Ihren, weil Chancen bestehen, ihn zu beherrschen"?

"Ich bin damals gerade 69 geworden und wollte wissen, ob ich meiner Frau versprechen kann, dass wir den 70. noch zusammen feiern dürfen", denkt der Ingenieur an die Ungewissheit zurück, die ihn am meisten quälte. "Die Ärzte legen sich ungern fest", fühlt er sich allein gelassen - auch wenn sich die Therapeuten sicher alle Mühe gaben. Aber für sie ist der Oberpfälzer eine Krankenakte von vielen. Wer kann schon ermessen, welche Wechselbäder man durchläuft, wenn das Ende nicht nur mehr eine theoretische Größe ist?

Vielleicht ist es ganz gut, dass der Familienvater zunächst gar nicht an sich selbst denken kann: "Meine Frau Bärbel war völlig von den Socken", erinnert sich Panzer, "im ersten Moment sagte sie, ,dann will ich auch nicht mehr'." Die Kinder reisen an, und auch wenn dem pensionierten Techniker der Trubel fast zu viel wird, so sei es für seine Frau dadurch doch leichter geworden. "Wir sind 46 Jahre verheiratet, da merkt man, wie man aneinander hängt."

Als die erste Schockstarre nachlässt, wühlt sich Klaus Panzer durch das Dickicht an weltweit verfügbaren medizinischen Informationen im Internet und in der wirklichen Welt: "Ich war bei Info-Veranstaltungen an der Uni und habe mich auch in der Regensburger Selbsthilfegruppe informiert." Er meldet sich bei Dignitas an, weil eine Tochter in der Schweiz lebt. Was sie aber zu diesem Sterbehaus in Pfäffikon in Erfahrung bringt, ist ernüchternd. "Das ist eine richtige Massenabfertigung, ein Haus im Industriegebiet, weil das keiner in der Nachbarschaft haben will." Nichts, was man sich als Endstation vorstellen möchte. "Mein Arzt hat mich gelobt, er habe selten einen so gut informierten Patienten getroffen."

Am meisten hilft dem autodidaktischen Therapeuten in eigener Sache das Forum myprostate.eu: "Auf der Website eines Schweizers posten Betroffene ganz konkrete Fakten wie die PSA-Kurve." Zahlen beruhigen den mathematisch geschulten Mann. Zuerst hält die Bestrahlung den Schmerz ganz gut in Schach. Dann die spannende Frage: Schlägt die Hormontherapie an? Der typische Verlauf der logarithmischen Skala wird zum Lebensinhalt: "Ich habe mit 180 angefangen und gleich erste Fortschritte erzielt", freut er sich über jeden Erfolg. Trotzdem ist ihm bewusst: Es ist eine verlorene Abwehrschlacht, die Schmerz und Tod möglichst lange hinauszögern soll.

"Im August hatte ich eine Gürtelrose", beschreibt Panzer die ständig präsente Angst, der Tumor habe neu gestreut. Besonders die Gespenster der Nacht quälen ihn in schlaflosen Stunden: "Jetzt habe ich Schmerzen im Nacken, das kann auch von Knochenmetastasen kommen." Trost findet er bei Leidensgenossen im Forum: "Einige haben sich liebevoll um mich gekümmert." Dennoch, solange die PSA-Kurve im Keller ist, die Therapie anschlägt und man ein schmerzfreies Leben führen kann, ist Klaus Panzer ein glücklicher Mensch: "Man lebt bewusster."

Ein Highlight im Monat

Und das Gefühl, etwas versäumt zu haben, ist ihm ohnehin fremd. "Wir haben viele Fernreisen gemacht, solange wir's konnten", freut er sich über die Schatzkiste an schönen Erinnerungen. "Jetzt machen wir kleinere Sachen, ein kleines Highlight im Monat, wie kürzlich zum Spitzingsee." Der braun gebrannte Aktivbürger wandert, radelt nach Matting zum Zunftstüberl und kraxelt sogar noch. "Meine Frau hat mir beigebracht, mich nicht zu übernehmen", sagt er lächelnd, "es besteht sonst die Gefahr, dass ich es wegschiebe".

"Tumor ist, wenn man trotzdem lacht", zitiert der Wahl-Regensburger sein Vorbild Wolfgang Bosbach, der sich auf politischer Bühne vom Leben verabschiedet. Panzer hat längst begonnen, sich auf die Zielgerade vorzubereiten: "Das Leben ist schön, wenn man weiß, wie man schmerzfrei den Ausgang findet", sagt er ohne jede Theatralik. Akribisch wie ein deutscher Ingenieur nun mal ist, hat er für sich eine Lösung konstruiert. Einen Knopf, den er nicht drücken muss, aber kann, wenn er das Gefühl hat: "Jetzt ist es Zeit für den sanften Tod." Seine Liebsten hat er informiert. Jeden einzeln. "Es hat nicht allen gefallen, aber alle verstehen es."

Ganz zum Schluss möchte er alle, die ihm wichtig sind, noch einmal um sich versammeln. "Ein letztes Familienfest." Sein Vermächtnis ist geordnet, was von ihm vielleicht bleibt, passt auf eine 2-Terabyte-Festplatte: "Die ist vollgepackt mit Filmen, eingescannten alten Negativen, auch Fotos von unseren Reisen." Obwohl, ob das die Hinterbliebenen wirklich so sehr interessiert?, fragt er sich. "Von meinem Vater gibt es gerade mal eine große Schachtel."

Alle Verfügungen sind hinterlegt, ein schönes Plätzchen am Friedhof neben der Dechbettener Kapelle reserviert, keiner soll wegen ihm Umstände haben. "Nur in meinem Keller bleibt ein großes Chaos", lacht Panzer, "aber wir hinterlassen genug Geld, damit ihr den entrümpeln lassen könnt."

___

Auf diesem Blog verarbeitet Klaus Panzer sein Sterben: http://letztabent.blogspot.de
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.