Komplizierte Kunst für Weiden

Der Kunstverein übergab der Stadt Weiden eine abstrakte Beton-Skulptur des Künstlers Kay Winkler, die dieser in den neunziger Jahren geschaffen hat. Zwischen 1996 und 1998 stand die Skulptur als zeitlich begrenzte Installation von der Staatsgemäldesammlung München. Bild: Kempf

Vier Jahre dauerte die Suche, vor einigen Monaten gab es ein glückliches Ende: Der Standort für die zehn Tonnen schwere Skulptur ist gefunden: vor dem Weidener Amtsgericht. Die Stadt erhielt damit ein Kunstwerk, das Fragen aufwirft.

Zwei große, rechteckige Betonplatten sind in leichtem Winkel zueinander aufgestellt, stehen auf der Kante, sind nicht im Boden verankert. Es wirkt, als ob sie abheben, sich in Bewegung setzen wollen. Verbunden sind sie in der unteren Hälfte durch ein Stahlrohr, das beide Platten durchbricht, das Werk bei dynamischer Positionierung nach dem von Kay Winkler entwickelten skulpturalen Bauprinzip ins Gleichgewicht bringt. Sein Balance-Prinzip setzte der Künstler in mehreren Variationen um, präsentiert es in unterschiedlichen Ausführungen an zahlreichen Standorten in den USA und Europa - und in Weiden.

Bedrohendes Gefühl

Die Skulptur vor dem Amtsgericht verwirrt beim ersten Anblick, fasziniert beim zweiten Blick, hinterlässt schließlich ein Gefühl von Leichtigkeit und Heiterkeit. Die erste Empfindung ist eine gewisse Bedrohung, wirkt die Beton-Skulptur doch erst einmal instabil. Dann setzt das Denken ein, man macht sich bewusst, dass die Skulptur wohl nicht umfallen wird. Logische Begründung: Niemals dürfte sie dort stehen, wenn sie eine Gefahr bedeuten würde. Schließlich wird über den Hintergrund nachgedacht, warum das Kunstwerk nicht kippt. Der Betrachter erlebt die Umsetzung physikalischer Gesetze, die Qualitäten von Massen, Volumen, Gravitation, Lasten, Hebeln und Balance zur Erscheinung bringen. Schullehrstoff in die Praxis umgesetzt, physikalische Gesetzmäßigkeiten erlebbar vor Augen geführt. Durch die Anmutung von Dynamik und instabiler Schwerelosigkeit löst sich die anfangs empfundene Bedrohung von Masse und Schwere auf. Das Objekt ist Sinnbild für die menschliche Fähigkeit zur Problemlösung.

Perspektiven wirken lassen

Der Standort vor dem Justizgebäude soll von der Durchgangsstraße zum Schau-Platz aufgewertet werden. Die Skulptur lädt zum Betrachten, zum Umrunden und Verweilen ein. Das Kunstwerk ist nicht eindimensional, will nicht nur eine Seite zeigen. Vielmehr will es den Betrachter auffordern und verführen, es von allen Seiten in Augenschein zu nehmen, sich hinein zu begeben und aus verschiedenen Perspektiven auf sich wirken zu lassen.

Wirkt es frontal betrachtet abgrenzend und bedrohlich, löst sich dieser Eindruck auf, wenn man sich auf die Seite stellt, die den Blick auf beide Platten und das Verbindungsrohr zugleich ermöglicht. Dann wirkt es spielerisch und leicht. Vielleicht ein Symbol auf die Betrachtung des Lebens an sich: Eigene Erlebnisse, Erfahrungen, Empfindungen wirken immer wieder anders, wenn man sie unter einem anderen Aspekt, aus einem anderen Blickwinkel heraus betrachtet.

Komplizierte Kunst, wie sich aus mancher Reaktion ablesen lässt. Landgerichtspräsident Walter Leupold sagt auf Nachfrage, dass er es grundsätzlich sehr begrüße, wenn an zentralen Stellen in der Stadt Kunstwerke aufgestellt werden. Diese würden Denkprozesse auslösen, der Mensch werde im Vorübergehen mit Kunst in Berührung gebracht, vielleicht auf neue Sichtweisen aufmerksam gemacht. Die Skulptur von Kay Winkler werde mitunter ratlos betrachtet, der Zugang zu dieser Kunst sei für manchen Betrachter schwierig, wie die Reaktionen von Passanten deutlich machen. Das Objekt lasse sich nicht auf Anhieb als Kunst erkennen.
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