Kunst für Gulasch und Bier

Auswärtsspiel an der Theke der Weidener Künstlerkneipe "Neues Linda": Die Künstler (von links) Peter Hammer, Annette Hähnlein, Gerlinde Pistner, Reiner Zitta und Peter Angermann waren eigens zur Ausstellungseröffnung "Gregor Samsa" im Kunstverein angereist. Bild: Otto

Das Nürnberger "Gregor Samsa", Künstlerkneipe und benannt nach der Kafka-Figur, ist seit den frühen 70ern so etwas wie ein Refugium für Nonkonformisten. In der Kneipe wurden Regeln über den Haufen geworfen. Am Freitag eröffnete Wolfgang Herzer eine Ausstellung im Weidener Kunstverein, die Besucher an einen Ort der Unangepassten und Hedonisten führt.

Ein dokumentarischer und ein künstlerischer Teil erzählen die Geschichte des "Gregor Samsa und die fränkische Boheme aus dem Geist der 1960er Jahre". In Nürnberg entsteht ein Etablissement des Anti-Establishments, der Unangepassten, der Außenseiter, der Musiker, Schriftsteller und der Künstler. Man "machte den Bürgerschreck und genoss es, eine Wellenlänge zu haben, auf der alle, aber auch alle Niederungen und Höhen der Ideenfindung erreichbar waren", erklärt Herzer, Kurator der Ausstellung.

Tauschhandel

Oft knapp bei Kasse wird die Zeche kurzer Hand mit Kreativität bezahlt - ein Traum von einer Story über eine in Vergessenheit geratene Währungsreform, die Jim Jarmusch verfilmt haben könnte. So entwickelt sich ein Parallelmarkt, auf dem Genusswaren auch denen zugänglich gemacht wurden, die zwar nicht viel Geld in der Tasche, aber "deklamatorisch, darstellerisch, tänzerisch oder bildnerisch etwas zu bieten hatten. Im ,Gregor Samsa' musste niemand verdursten", beschreibt Herzer die Renaissance des Tauschhandels. Man "machte den Bürgerschreck und genoss es, eine Wellenlänge zu haben, auf der alle, aber auch alle Niederungen und Höhen der Ideenfindung erreichbar waren." So gehen zahlreiche Werke über die Theke - von "Künstler des kecken und intelligenten Strichs" wie Peter Angermann, Reiner Bergmann, dem Musiker Kevin Coyne, Blalla W. Hallmann, Peter Hammer, Gerlinde Pistner, Dan Reeder, Reiner Zitta, dem Kabarettisten Matthias Egersdörfer und Annette Hähnlein - von denen Herzer einige als Gäste begrüßte.

Die Idee hinter der Ausstellung sei "die Manifestation der Fähigkeit, das Widersprüchliche, das Verschiedene, das Sich-Fremde zusammenzuführen und zu versöhnen", sagt er. Einzel-Positionen wolle er weitgehend unberücksichtigt lassen, "zugunsten des Magneten, der das Ganze im Kraftstrom zusammenhält". "Mit der aktuellen Ausstellung warten wir mit einer Einrichtung auf, die kein Essential des Kunstbetriebs ist", erklärt der Kurator - eher ein Kontrapunkt zu etablierten Kunstorten wie Galerien und Museen. "Im Vordergrund stand und steht bis heute die für tot erklärte Malerei", die unter anderem mit dem Witz-Mix von Wilhelm Busch und Pardon dem ,Normal-Verbraucher' "aufs Maul geschaut habe" - eine humorig-satirische Welt-Einstellung aus dem antiautoritären Geist der 1960er Jahre.

Alle Sparten

Die Künstlerschaft, die hier ihr Zuhause gefunden, teilweise in den Dachräumen gewohnt und musikalisch vor allem dem Blues gehuldigt hätte, hätte alle künstlerischen Sparten umfasst. Die Protagonisten seien aber, als alles anfing, ein gutes Jahrzehnt lang damit beschäftigt gewesen, "die Grenzen des herkömmlichen comme-il-faut zu sprengen beziehungsweise im Zeichen des Saturns die Sau rauszulassen."
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